Kurpfalz Regional Archiv

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Hochzeitsreise in die Kurpfalz

18.08.07 (Geschichte allg., Personalia)

Auf den Spuren von Felix und Cécile Mendelssohn-Bartholdy in Speyer, Mannheim und Heidelberg
Ansicht 1837In der weltberühmten Bodleian Library, der Universitätsbibliothek von Oxford, existiert in der Musikabteilung unter den attraktivsten Gegenständen des Mendelssohn-Nachlasses ein Band, der allgemein als „Hochzeitstagebuch“ bekannt ist. 22 mal 14 Zentimeter groß und 16o Seiten stark, ist er mit grünen Papier überzogenen Pappdeckel gebunden. Die .Edition enthält auch noch Briefe, die Felix und Cécile während dieser Reisezeit ihren Familien und Freunden schrieben, ganz in der Schreibkultur des 19. Jahrhunderts.

Am 28. März 1837, mittlerweile auf der Höhe seines Schaffens und Leiter des Gewandhausorchesters zu Leipzig, heiratete Felix die aus einem Frankfurter großbürgerlichen Hause stammende Cécile Jeanvenand. Noch am selben Abend verließ das Paar Frankfurt in Richtung Mainz in einer neuen, blau und braun gestrichenen Reisekutsche. Von dort ging es über Worms, Speyer, Straßburg nach Freiburg im Breisgau und zurück über Heidelberg nach Frankfurt. Bis zum 13. Mai dauerte die eigentliche Hochzeitsreise. Das Paar blieb einige Wochen in Frankfurt bei Céciles Mutter, unternahm dann eine weitere Sommerreise nach Bingen, Koblenz, Bonn und Düsseldorf, worauf Cécile nach Frankfurt zurückkehrte, während Felix nach England reiste. Sein Tagebuch schließt Ende September 1837, nachdem Felix nach Frankfurt zurückgekehrt war.
Die Mendelssohns wohnten dann in Leipzig, wo ihr erstes Kind, Carl Wolfgang Paul, am 7. Februar 1838 zur Welt kam. Wenn sich auf der eigentlichen Hochzeitsreise die Gelegenheit bot, wurde das Tagebuch von Cécile geführt und gelegentlich von Felix durch Zusatzbemerkungen ergänzt. Die Federzeichnungen fertigte meist Felix an, einige sind von Cécile, übrigens von erstaunlichem Talent, andere wurden gemeinsam erarbeitet.
Oft sind es Stadt- und Landschaftsbilder mit phantasiereichen Ergänzungen. Ganz im Geiste der Romantik zeichnete man mit Vorliebe mittelalterliche Bauwerke oder Ruinen. Tagebuch und Briefe geben Kunde, oft Alltagsgeschichten berichtend, von einer glücklichen und schöpferischen Zeit des jungen Paares. Immer wieder leuchten die Liebenswürdigkeit Céciles und das musikalische Genie von Felix auf. Drei Kompositionen, die Mendelssohn zu Lebzeiten nicht veröffentlichte, sind im Tagebuch überliefert. Es sind dies ein Allegro in A-Dur für Klavier, die Vertonung eines Goethe-Gedichtes (an Marianne von Willemer) und ein Kanon in h-Moll.
Wer die Landschaft am Oberrhein kennt und liebt, wird seine Freude haben an den gut beobachteten, beschriebenen und gezeichneten Darstellungen von Land und Leuten, Kultur, Architektur und Geschichte dieses Raumes. Versetzen wir uns in den Frühling des Jahres 1837 und folgen dem Paar auf einigen ausgewählten Stationen seiner Reise (was natürlich die Lektüre dieses Tagebuches mit seinen nicht ersetzen sollte).
Nach kurzen Aufenthalten in Mainz und Worms gelangten die Mendelssohns nach Speyer, wo sie „in einem netten freundlichen Gasthofe, bei gefälligen Wirtsleuten“ und einem „genialen Kellner“ abstiegen, um vom 1. bis zum 8. April dort mit „Wohlbehagen in der angenehm eingerichteten Stube“ zu wohnen. Die folgenden Tage sind ausgefüllt mit dem klassischen Programm, das einer bürgerlichen Bildungsreise entspricht und sich in örtlich bedingten Variationen in den anderen besuchten Städten wiederholt:
Nach dem Frühstück geht man zur Post, um die postlagernden Briefe zu holen, besichtigt sehr gründlich den Dom von der Krypta bis zur Zwerggalerie. „Schöner Ausblick in das Innere des Gebäudes, wo Gottesdienst war, und wundervolle Aussicht nach der Umgebung.“ Im Domgarten schaut man sich die Antikenhalle und den Ölberg an, um später schreiben zu können „im Freien lange gezeichnet meinen Liebling den Heidenthurm.“ Man empfängt und macht Besuche, die Mendelssohns haben viele Bekannte und Verwandte in den Orten ihrer Reiseroute. Ein Ehepartner fühlt sich etwas unwohl, der andere pflegt ihn liebevoll, in Speyer hatte Cécile Zahnschmerzen, die ein Zahnarzt aus Speyer mit „Zahn-Kitte“ lindert. Ein Spaziergang in den Domgarten nördlich des Domes gibt den Blick frei für eine interessante Zeichnung der Bachmündung mit Heidentürmchen, Dom und Läutturm als Hintergrund, wobei Felix „Frühling und Sonnenstrahlen aus der Idee gemalt“ hat.
Eine Wanderung zur Rheinhauser Fähre wird unternommen, es folgt ein Orgelspiel in der Dreifaltigkeitskirche, um am Abend lange Briefe zu schreiben oder sich Hebels Gedichte oder Lamartines poetische Texte vorzulesen. Am vorletzten Tag der Reise schneit es in Speyer den ganzen Tag, und Cécile fasst den Entschluss „im Bett zu bleiben.“ Am nächsten Tag reist man in der Frühe ab, um über Lauterburg nach Straßburg zu gelangen. Es gibt noch fünf Briefe aus Speyer, wie übrigens auch von den anderen Orten, die das Paar unabhängig voneinander an die Mutter beziehungsweise Schwiegermutter schrieb und die Einblicke gewähren in die Stimmung der Frischvermählten: „…Ich bin sehr glücklich, sehr zufrieden, es gibt keinen Wunsch, den Felix mir nicht erfüllt.,. Speyer gefällt mir jetzt noch mehr, und Felix ist von der Stadt ganz begeistert…“ „Mit jeder Stunde dieser vier glücklichen, glücklichen Tage habe ich meine liebe Cdcile mehr kennen und lieben gelernt…“
Folgen wir dem Paar weiter rheinaufwärts. Neben den Berichten über den „touristischen“ Tagesablauf sollten hier nur einige bemerkenswerte Eintragungen erwähnt werden. In Straßburg (9. bis 13. April) und Freiburg (14. April bis 6. Mai) war es natürlich jeweils das Münster, das die Mendelssohns faszinierte. Gelobt wird die französische Küche („les charmes de Strasbourg“). Cécile, die von Haus aus gut das Französische in Wort und Schrift beherrscht, schwärmt von ihren „schönen Einkäufen.“ Trotz des schlechten Wetters in Freiburg unternimmt das Paar einige Ausflüge in die nähere Umgebung, etwa in das Höllental oder nach St. Blasien. Aus den Eintragungen spricht eine große Naturbegeisterung.
Wir erfahren aber auch eine liebevolle Rollenbewertung in folgendem Text: Cécile notiert am 22.April: „Nachmittags componierte Felix. (Damit ist von nun an einbegriffen, daß ich auch etwas thue, was aber so unbedeutend ist und unerzählbar ist, daß ich mich dessen nicht zu erinnern brauche.)“ – Worauf Felix hinzufügt: „Feierliche Protestation, die in den Text mit aufgenommen zu werden wünscht. Wo fern es nicht unbedeutend und noch weniger unerzählbar ist, daß Löcher gestopft werden, und ein Mann ebenso wenig zerrissen einhergehe, als seine Frau, so muß von ersterem auch dankbar anerkannt werden, daß auf diese Weise seine äußere Existenz geflickt und in andrer Hinsicht gebessert werde…“
Hier ist zu bemerken, dass Felix in dieser Zeit an verschiedenen Kompositionen arbeitete, etwa an den „Liedern ohne Worte“ op. 38 oder an der Vertonung von Psalm 42 op. 42. Vom 7. bis zum 13. Mai weilt unser Paar in Heidelberg. „Hier in Heidelberg erscheinen wir zum ersten Male in der Welt als Eheleute“, schreibt Cécile angesichts des großen Besuchsprogrammes bei einer Reihe von Verwandten ihrer Familie. Trotzdem bleibt hier noch Zeit für Philosophenweg, Stift Neuburg und Schloss. Felix und Fritz Schlemmer, ein Vetter Céciles, Jurist und eifriger Amateurmusiker, der sehr um das Wohl der beiden besorgt ist, musizieren an der Orgel der Heiliggeistkirche.
Man will in Mannheim eine Opernaufführung besuchen, „Oberon“ von C. M. v. Weber, ein Sänger ist indisponiert, die Herrn wollen sich „mit Champagner benebeln“, man spaziert zum Schlossgarten, „wo man die Hartgebirge sehr deutlich sieht.“ Am 13. Mai reist man ab nach Frankfurt und „die Mutter ist froh uns wieder zu haben.“ Hier endet das Tagebuch der Hochzeitsreise, um jedoch weiterhin als Reisetagebuch zu dienen.
Nicht nur das eigentliche Tagebuch der Hochzeitsreise, sondern auch die Eintragungen und Briefe bis Ende September 1837 geben einen lebendigen kulturhistorischen Einblick in die Zeit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der ausgehenden Romantik und des Biedermeiers. Cécile als Hauptautorin war eine gute Beobachterin, eine witzige Erzählerin von zeichnerischem Talent und in dieser Hinsicht ihrem Felix ebenbürtig. Vor unserem geistigen Auge gewinnen zwei liebenswerte Menschen Gestalt am Anfang ihres kurzen gemeinsamen Lebensweges. Cdcile wird gerade 20 und Felix ist 28 Jahre alt.
Quelle: unbekannt

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