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Wort Gottes im Liede verkünden

03.04.10 (Reilingen)

Evangelischer Kirchenchor vor 135 Jahren gegründet / Ältester Verein in der Spargelgemeinde / Fest im Dorfleben verwurzelt
Die musikalische Mitgestaltung festlicher Gottesdienste ist seit vielen Jahrhunderten nicht nur ein vielgeliebter Brauch, sondern auch eine besondere Form, das Wort Gottes zu verbreiten. Kein Wunder also, dass es im benachbarten Speyer bereits seit über 1000 Jahren eine Domsingschule gibt. Seit der Reformation wurde es auch in protestantisch-evangelischen Gemeinden Sitte, bei Beerdigungen „zur Leiche zu singen“.
Als in Reilingen im Jahre 1875 der Hauptlehrer und Organist Eyermann die Knaben- und Mädchenstimmen des Schülerchores anlässlich der Beerdigung der Anna Maria Zahn im Bass verstärkte, war der evangelische Kirchenchor geboren.
Der Chor kann in diesem Jahr den 135. Geburtstag feiern – und ist damit der älteste Verein, zumindest aber die älteste Gruppierung in Reilingen.
Schnell wuchs der Chor auf 25 Mitglieder an und übernahm in der Folge auch die Ausgestaltung kirchlicher Festtage wie Karfreitag, Ostern oder Weihnachten.
Als 1885 in Baden ein neues Gesangs- und Choralbuch der Landeskirche eingeführt wurde, unterstützten die Sängerinnen und Sänger die dörfliche Gemeinde beim Erlernen der neuen Lieder. Der Chor gewann in der aufstrebenden Spargelgemeinde zunehmend an Bedeutung. Mittlerweile galt es sogar als Auszeichnung, in den Kirchenchor aufgenommen zu werden. Der erste Weltkrieg hinterließ im evangelischen Kirchenchor große Lücken, da viele Männer ins Feld einrücken mussten. Ein weiteres Problem war zudem, dass zur damaligen Zeit Frauen nach der Verheiratung aus dem Chor ausscheiden und den aktiven Chorgesang aufgeben mussten. Nur dem großen Einsatz von Chorleiter Michael Villhauer war es in dieser Zeit zu verdanken, dass der Chor nicht aufgelöst werden musste.
Nach den Kriegsjahren erholte sich der Kirchenchor rasch und erlebte eine neue Blüte.
Das 50jährige Bestehen im Jahre 1925 wurde im Oktober mit der Aufführung des Oratoriums „Der Jüngling zu Nain“ gefeiert. Die musikalische Leitung hatte für dieses große Werk eigens Landeskirchenmusikdirektors Dr. Hermann Menrad übernommen, was einer ganz besonderen Auszeichnung des Jubelchores gleichkam.
Da der Chor zu dieser Zeit weithin hohes Ansehen genießt, richtete er zum 60-jährigen Bestehen 1935 das Bezirkskirchenchorfest des Kirchenbezirks Oberheidelberg aus.
Obwohl der zweite Weltkrieg zu einer großen Prüfung für den Chor wurde, ging es nach 1945 überraschend schnell wieder bergauf. Mit rund 70 Aktiven wurde 1950 das 75-jährige Bestehen gefeiert. Nach 20-jähriger Tätigkeit verließ 1956 Rektor Franz Riegler als Dirigent den Chor, der ab 1959 unter der Leitung des erst 19-jährigen Musikers Klaus Eisenmann (heute Generalmusikdirektor und ein weltweit anerkannter Dirigent) einen neuen Aufschwung erlebte.
Die folgenden Jahrzehnte waren geprägt von erfolgreicher Chorarbeit im Dienste der Musica sacra. Pfarrer wurden musikalisch verabschiedet und willkommen geheißen, zum 150-jährigen Bestehen der Weinbrennerkirche 1969 das „Halleluja“ aus Händels Oratorium „Der Messias“ einstudiert. Das 100-jährige Jubiläum wurde mit der Aufführung des Oratoriums „Die Schöpfung“ von Josef Haydn mit prominenten Solisten gefeiert.
Dass sich der evangelische Kirchenchor aber auch als ein Teil der Dorfgemeinschaft sieht, wurde 1986 anlässlich der 700-Jahr-Feier der Gemeinde Reilingen deutlich: Beim großen Festumzug zeigte der Chor eine historische Heuernte mit zwei Kuhgespannen und altem Werkzeug.
Mit einem Gospelkonzert feiert der Chor sein 120-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass wurde auch ein Kinder- und Jugendchor ins Leben gerufen.
Mit der Aufführung der „Reilinger Passion“ wird der evangelische Kirchenchor im Milleniumsjahr 2000 schlagartig in ganz Deutschland bekannt. Tausende von Zuschauer erlebten beeindruckende Momente, die noch heute in vielen Menschen den Wunsch lebendig gelassen haben, dieses Passionsspiel mit über 300 Aktiven wieder einmal in der Spargelgemeinde erleben zu dürfen.
Als Hans-Jürgen Reinhardt nach 20 Jahren 2007 sein Amt als Dirigent zur Verfügung stellt, hinterlässt er seinem Nachfolger Michael Leideritz ein gut ausgebildetes und hoch motiviertes Gesangsensemble.
Der evangelische Kirchenchor ist für die Spargelgemeinde aber auch eine wichtige Stütze in der örtlichen Kulturarbeit. Die vielen Theaterabende mit deftigen Schwänken und Lustspiele sind legendär und nicht wenige bedauern, dass sich 2007 zum bisher letzten Mal der Vorhang auf der Lutherhaus-Bühne öffnete.
Der Chor ist durch sein Engagement in all den Jahren zu einer festen Größe in der Kultur- und Sportgemeinschaft geworden, der seit 1996 amtierende erste Vorsitzende Frank Powik ein Aktivposten im dörflichen Leben.
Hauptaufgabe des Kirchenchores wird aber auch in Zukunft das musikalische Mitwirken bei kirchlichen Festen und Feiertagen sein. Auf diese Einsätze bereiten sich die Sängerinnen und Sänger in ihrer wöchentlichen Chorprobe am Mittwoch immer gründlich vor.
Die Bewahrung der Tradition, das Wort Gottes im Liede zu verkünden, ist für alle Verpflichtung und Auszeichnung zugleich. Mit einer Mischung aus Althergebrachtem und Neuem möchte der evangelische Kirchenchor sich den Herausforderungen und Aufgaben der Zukunft stellen. Schließlich gilt es auch noch in einigen Jahrzehnten, in Reilingen aktiv das Wort Gottes musikalisch zu verbreiten.

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