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Aufschlussreiches Protokollbuch gefunden

18.09.98 (Allgemein, Arbeit & Soziales)

Geschichte der Sozialdemokratie in Hockenheim aufgearbeitet
Das genaue Gründungsjahr des SPD-Ortsvereins Hockenheim war bis vor zwei Jahren (1996) durch fehlende Dokumente und Unterlagen nicht eindeutig belegbar. Untersuchungen früherer Jahre sowie Befragungen älterer SPD-Mitglieder ergaben die Annahme eines vagen Bezuges zum Gründungsjahr des Arbeitergesangvereins Hockenheim von 1906. Ein Parteiverbot von 1933 bis 1945 durch das Naziregime, verbunden mit lebensbedrohlichen Gewaltanwendungen und Verfolgungen von Sozialdemokraten führten sicherlich dazu, dass wichtige Parteidokumente inklusive Vereinsfahne wahrscheinlich vernichtet, oder aus Angst vor Repressalien anderweitig der Öffentlichkeit entzogen wurden.

Nachkriegsgerüchte, die darauf schließen lassen, dass in den Gemäuern des ehemaligen „Volkshauses“ beziehungsweise Gewerkschaftshauses (das spätere Hotel Waldblick) Parteidokumente versteckt wurden, oder Vermutungen, einer im Pumpwerkbereich vergrabenen Parteitruhe, sind aus heutiger Sicht nicht belegbar.
Eine eindeutige Gründungsaussage des Hockenheimer SPD-Ortsvereins beruht auf einem glücklichen Zufall, durch das Auffinden eines bislang verschollenen Protokollbuches der Jahre 1926 bis 1933, das bei Recherchen dem stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Willi Keller aus Privatbesitz anvertraut wurde.
Aus vielen Berichten über Vorstandssitzungen und Mitgliederversammlungen des benannten Zeitraumes verweist der damalige 1. Vorsitzende Karl Schütz in einem Protokolleintrag einer Vorstandssitzung vom 15. Oktober 1928, wonach der SPD-Ortsverein sein 30jähriges Stiftungsfest am 20. Oktober im Gasthaus „Zum Stadtpark“ zu feiern gedenkt. In einer Pressemitteilung vom 23. Oktober 1928 der „Hockenheimer Zeitung“ wird über einen „würdigen Verlauf“ der angekündigten Feier berichtet.
Somit trat im Oktober 1898 die bis dahin meist in Illegalität und im Untergrund agierende Arbeiterbewegung an die Öffentlichkeit, indem sie einen SPD-Ortsverein als legale sozialdemokratische Gliederung gründete.
Es waren vor allem Zigarrenarbeiter, die der aufstrebenden Zigarrenfertigung in Baden bereits vor der Jahrhundertwende folgten und somit auch in Hockenheim den großen Bedarf eines Arbeiterpotentials in dieser Branche abdeckten. Das größte Arbeiterkontigent hiervon kam aus preußisch regierten Gegenden Norddeutschlands, dem Rheinland und Westfalen, sowie aus Sachsen. Dort wurden diese Arbeiter wegen ihrer sozialdemokratischen Gesinnung diskriminiert und verfolgt. Sie fanden in Hockenheim ein neues Zuhause und eine politische Heimat.
Dokumente und Schriftstücke deuten darauf hin, dass bereits um 1885 eine sozialdemokratische Gruppe – in welcher Form auch immer – auf lokaler Ebene in Hockenheim vorhanden war, und es sich im Jahre 1898 nicht unbedingt um eine Neugründung handelt. Eine Wiedergründung ist nicht auszuschließen: Diesbezügliche Hinweise liefert eine Polizeiakte des Stadtarchivs Hockenheim, die angesichts eines Parteiverbotes [mit Einführung des Sozialistengesetzes 1878] erstellt wurde, und ausführliche Berichte sozialdemokratischer „Betreibungen“, soqwie Aktivitäten in Hockenheim beinhaltet.
1898 war die SPD bei den Reichstagswahlen stärkste Partei geworden, das sicherlich motivierend zur Benennung eines Sozialdemokratischen Arbeitervereins in Hockenheim führte. Vieles deutet darauf hin, dass Karl Schütz, der zum Zeitpunkt des 30jährigen Stiftungsfestes 1928 den Vorsitz der Sozialdemokraten einnahm, bereits 1898 einer der Gründungsväter war, und 1903 als erster Sozialdemokrat zum Stadtverordneten gewählt wurde.
Die Sozialdemokraten waren bereits zum damaligen Zeitpunkt als einzige politische Institution bemüht, die vielfältigen sozialen Fragen der Arbeiterschaft aufzugreifen und entsprechende Lösungen herbeizuführen. Insbesondere die Hockenheimer Zigarrenarbeiter sahen in der Sozialdemokratie vor Ort und auf Reichsebene ihre Interessen gewahrt. Steigende Mitgliederzahlen waren die Folge, so dass 1912 der SPD-Ortsverein 329 Mitglieder zählte, davon 109 Frauen – und bei den Gemeinderatswahlen mit Martin Walter den ersten Gemeinderat stellte.
Der große Durchbruch gelang den Sozialdemokraten anlässlich der Stadtverordneten- und Gemeinderatswahlen im Mai/Juni 1919. Mit einem Wahlergebnis von elf Stadtverordneten und zwei Gemeinderatssitzen konnte man somit als zweitstärkste politische Kraft im Rathaus aufwarten. Und dies unter dem Gesichtspunkt einer vorherigen Abspaltung von Genossen zur Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) im Jahre 1917 und eigener Kandidatenliste.
Mit friedrich Bröckel und Max John stellte die SPD ab 1919 zwei versierte Sozialdemokraten als Stadträte im achtköpfigen Gemeinderat, und beide gehörten bereits 1912 dem Stadtverordneten-Gremium an. Friedrich Bröckel, mehrmals zum Kreistagsabgeordneten und in den Bezirksrat gewählt, wurde angesichts seines unbestrittenen Sachverstandes zum Bürgermeisterstellvertreter ernannt, wobei er im Februar 1923 die mehrmals ergebnislose, von Boykotten geprägte Bürgermeisterwahl durchzuführen und zu leiten hatte. Zum Bürgermeister wurde der parteilose und von der SPD unterstützte Wilhelm Rinklef gewählt.
Nach dem zweiten Weltkrieg konnten aufgrund einer Anordnung der Militärregierung in Hockenheim am 27. Januar 1946 zehn Gemeinderäte auf zwei Jahre gewählt werden. Für die SPD zogen Jakob Schweikert, Max John und Franz Hund in den Gemeinderat ein, als Nachrücker für den zum Bürgermeister gewählten Franz Hund kam Wilhelm Jakobi in den Gemeinderat.
Der Sozialdemokrat Franz Hund wurde 1945 durch Beigeordnete zum ersten SPD-Bürgermeister der Hockenheimer Stadtgeschichte ernannt, mit anschließender sechsjährigen Bestätigung seitens der Bevölkerung im Jahre 1948. Seit 1947 werden Gemeinderat und Bürgermeister getrennt gewählt. Die SPD konnte 1947 mit Jakob Schweikert, Max John, Franz Hund, Wilhelm Jakobi, Konrad Feineis und Anton Reuter sechs Mandate erringen, die sich zahlenmäßig in den Jahren 1951 bis 1956 nicht veränderten. Diese Situation wurde 1959 durch das Erreichen eines siebten Mandats von Willi Keller sen. verbessert.
Durch den plötzlichen Tod von Bürgermeister Franz Hund, der aufopfernd in schwieriger Zeit die Interessen von Stadt und Bürgerschaft als Landtags- und Kreistagsabgeordneter vertrat, folgte 1958 mit Kurt Buchter ein weiterer Sozialdemokrat nach dem Kriege, der die Geschicke der Stadt übernahm. Seine Amtszeit dauerte 20 Jahre. Dies bedeutet, dass zusammen mit der Amtszeit von Bürgermeister Hund, 33 Jahre SPD-Bürgermeistergeschichte in Hockenheim geschrieben wurde.
Bei Gemeinderatswahlen erreichen die Hockenheimer Sozialdemokraten erfahrungsgemäß 30 Prozent der abgegebenen Stimmen. Beispielhafte ist das 44jährige gemeinderätliche Engagement des [Ehrenbürgers] Arthur Weibel. Aber auch die Arbeit vieler engagierter Mitglieder, die im Vorstand und als Delegierte, als Leiter von Arbeitsgemeinschaften und als Mitglieder ohne Funktion bereit waren und sind, die SPD in der Öffentlichkeit mit Rede und Tat zu unterstützen, tragen zu diesem Erfolg bei.
So konnte sich Hockenheim unter Mitwirkung verantwortungsvoller Sozialdemokraten zu einer modernen und lebendigen Stadt mit hoher Lebensqualität entwickeln. (wk)
 
 

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