Kurpfalz Regional Archiv

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Das Rheintal und seine Wälder

04.10.16 (Landschaft & Orte, Landwirtschaft & Forsten)

waldweideDer Übergang vom ungenutzten Naturwald zum genutzten Kulturwald im Rheintal erfolgte spätestens vor 5.000 Jahren
Viele Städte und Dörfer der oberrheinischen Tiefebene wurden nicht im dichten Wald gegründet. Äcker, Felder, und baumarme Weideflächen waren in der Rheinaue und im Rheintal dort landschaftsbestimmend, wo heute hoch aufragende Wälder stehen. Die Umformung der „Urwälder“ zu Feld-Wald-Landschaften liegt Jahrtausende zurück. Die Baumart Kiefer war bereits in diesen Wäldern vertreten. Seit dem Mittelalter ist die Gestaltung der Feld-Wald-Landschaft mit künstlichem Anbau von Eiche, Kiefer, Buche dokumentierbar. Auch in der Rheinaue wurden seit über 1.000 Jahren Kulturwälder geschaffen. Das Naturerbe Kulturwald soll auch in Zukunft nachhaltig genutzt und geschützt werden.
Das 300-jährige Gründungsjubiläum von Karlsruhe hat beispielsweise auch die Landschaft im Blick, in der Karlsruhe entstand. Allgemein wird angenommen, die Gründung der Residenz und der Stadt im Jahre 1715 fand in ausgedehntem Wald statt. Rodung von dichtem Wald in der kaum besiedelten Rheinebene sei nötig gewesen, um das Schloss und die Quartiere der Stadt zu bauen. Die Rheinaue sei eine fast unberührte Naturlandschaft mit üppigen Naturwäldern ohne menschlichen Einfluss gewesen.
Die Landschaft sah jedoch völlig anders aus: Im Gründungsjahr der Stadt fehlte Wald, wie wir ihn heute erleben. Der Karlsruher Hardtwald hatte 1715 nur annähernd die Hälfte seiner heutigen Fläche. Durch intensive Feld-Wald-Nutzung und durch viele Kriege, insbesondere von 1400 bis 1700, war der Wald weitgehend aus der Landschaft verschwunden. In der Rheinaue waren die Verhältnisse ähnlich wie im Hardtwald.
Der Übergang vom ungenutzten Naturwald zum genutzten Kulturwald im Rheintal erfolgte spätestens vor 5.000 Jahren. Die meisten Autoren im Naturschutzbereich setzen diesen Übergang erst vor etwa 1.000 Jahren, im Hochmittelalter an. Heute gelten jedoch in der Landschaftsforschung neue, gut belegte Zeitrechnungen: Zur späten Römerzeit, vor knapp 2.000 Jahren, war der Waldanteil im Rheintal durch Landnutzung wahrscheinlich schon auf einen Wert von unter 50 % der Landesfläche herunter gedrückt. Wälder wurden damals schon künstlich begründet.
Vor fast 2.000 Jahren gab es bereits bedeutende und dauerhafte wirtschaftliche Verflechtungen der Waldnutzung zwischen Rheintal, dem Raum Karlsruhe und dem Schwarzwald. Belegt ist dies für Ettlingen, einen zentralen Ort zur Römerzeit am Rande des Schwarzwaldes. Der Schwarzwald versorgte die Stadt mit Holz, das auf dem Flüsschen Alb und einem Kanal dorthin gebracht wurde. Diese Tradition wurde von Karlsruhe verstärkt wieder aufgegriffen. Ebenfalls für die Römerzeit sind Verflechtungen der Waldnutzung zwischen dem Gebiet des heutigen Nationalparks Nordschwarzwald und der Stadt Straßburg in Frankreich wahrscheinlich, die sehr früh zur massiven Ausbreitung der Baumart Fichte führten.
Im Hochmittelalter hatte der Schwarzwald nur noch einen Waldanteil von 50 %, das Rheintal einen Wert um die 30 %. Vor 500 Jahren waren die Westabhänge und der Nordteil des Schwarzwaldes Kulturwälder und mit Obstbäumen durchsetzt. Deren Früchte von Nussbäumen, Esskastanien und Mandelbäumen wurden damals weit nach Bayern, Franken, Lothringen und in entferntere Gebiete exportiert. Die Eiche wurde künstlich angebaut, und sie war durch Saat und Pflanzung direkt bis an die Hochlagen des Schwarzwaldes verbreitet worden. Die großen Hardtwälder des Rheintales (Schwetzinger Hardt, Lußhardt bei Bruchsal, Hardtwälder bei Karlsruhe) waren seit über 1.000 Jahren großflächig als Feld-Wald-Gebiete genutzt.
Am Rhein und in seiner Aue war das Forst- und Waldgesetz der Kurpfalz maßgebend, an dem sich auch die Markgrafen von Baden orientierten. Es wurde um 1469 in seinen Grundzügen erlassen und 1580 fortgeschrieben. Jährlich legten Kommissionen von Bürgermeistern, Sachverständigen und Forstleuten fest, wo Ufer geschützt, Dämme neu gebaut und Überschwemmungsschäden beseitigt werden sollen. Die Ausführung der Maßnahmen basierte auf einem straffen Berichtswesen.
Hardtwälder waren in der Vergangenheit mit Bäumen bestandene Weide- und Ackerflächen. Im Mittelalter überwogen in solchen „Wäldern“ deshalb nicht die Bäume, sondern die landwirtschaftliche Nutzung. Die Hardt wurde im Mittelalter nach genauen Nutzungsvorschriften bewirtschaftet. Die Naturwaldidee im Naturschutz kennt diese bedeutende Vergangenheit der Wälder nicht. Seit fast 550 Jahren sind die Agro-Forst-Regeln auch schriftlich überliefert.
Die Menschen der Hardtwald-Gemeinden hatten kein Eigentum, sondern nur Nutzungsrechte am Wald. Am Holz wurde gespart. Eichen und Kiefern wurden von den Landesherren an die Bevölkerung nur gegen Bezahlung oder gegen unbezahlte Leistungen abgegeben. Darunter wurden sogenannte Frondienste verstanden in Form von Entwässerungs-, Dammbau-, Wegebaumaßnahmen sowie das Sammeln von Eicheln, Kiefern- und Buchensamen zur Walderneuerung durch Saat und Pflanzung. Bereits 1483 musste jeder, der bauen wollte und Kiefern-, Eichen- oder Buchenholz brauchte, zu den Waldförstern gehen und seinen Bedarf an Bauholz melden. Der Bedarf wurde örtlich geprüft. Die Waldförster brachten schriftliche Anträge zu den zuständigen Bürgermeistern. Diese setzten die abzugebende Holzmenge und die Bezahlung in Geld oder nicht bezahlten Leistungen fest.
Brennholz wurde von den Waldförstern abgegeben. Die Mengen wurden überwacht. Brennholz sollte nur da gehauen werden, wo es am „unschädlichsten“ möglich war und stehendes Holz gespart wurde. Abgabepflicht von Brennholz bestand an alle Hardtwald-Gemeinden, die Weiderechte im Hardtwald hatten. Einzelne Bauern konnten Waldteile auf Zeit roden, die sie als Acker- oder Wiesenflächen nutzten. Bereits im Mittelalter waren mindestens 30 % der Hardtwaldfläche kein Wald und vollständig landwirtschaftlich genutzt. Auf der Restfläche sorgten der Vieheintrieb und die ganzjährige Viehweide für weitständige Waldstrukturen, die nichts mit dicht geschlossenen Wäldern zu tun hatten.
Die Wälder waren Kulturwälder. Neben schriftlich festgelegten Nutzungsregeln ist dazu die künstliche Verjüngung der Wälder wichtig. Wer Vieh in die Hardt trieb oder Holz holte, musste für die künstliche Verjüngung der Wälder sorgen. Bis 1483 waren schon viele Teilflächen der Hardt mit Kiefernsamen angesät. Regelungen schrieben vor, weitere Flächen anzusäen. Ähnlich war es mit angesäten oder angepflanzten Eichenflächen, deren Ausdehnung wuchs (Abb. 2). Die Waldförster mussten die Saaten und Pflanzungen überwachen. Sie hatten junge Saaten und Pflanzungen vor dem Weidevieh zu schützen und, wie es hieß, zu „bannen“. Das Bannen geschah nach Prüfung des Einzelfalls und bedeutete damals oft Bau von Zäunen oder sogar Steinwällen um die jungen Bäume.
Auch die verbreitete Vorstellung, der Kiefernbaum sei erst im Mittelalter in die Hardt eingeführt worden, trifft nicht zu. Die Kiefer wanderte in der Nacheiszeit bereits sehr lange vor der Buche in das Rheintal ein und war dort immer mit wechselnden Anteilen vertreten. Sie gehört zum natürlichen Inventar. Vermutlich schon zur Römerzeit, spätestens seit dem Mittelalter wurde sie auch in größerem Umfang künstlich angebaut. Einblicke in die Fortsetzung der intensiven Waldnutzung seit Jahrtausenden geben die Forstordnungen des 16. und 17. Jahrhunderts.
Die Landwirtschaft gab den Takt der Nutzung vor: Große Viehherden aus Rindern, Pferden, Schweinen, Schafen und Ziegen wurden schon in der Kelten- und Römerzeit in Hardtwäldern ernährt. Der Baumbestand nahm dadurch ab. Um die zahlreichen Viehläger wurden Bäume gerodet, Wiesen und Felder wurden angelegt. Wenn in einer Hardt nach Jahrzehnten landwirtschaftlicher Nutzung nach Meinung der Eigentümer zu wenig Bäume standen, wurden die Wiesen und Felder wieder zu Wald angesät und angepflanzt. Zerstörung und Aufbau von Wald wechselten so im Hardtwald über die Jahrtausende der Nutzung.
Erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Landwirtschaft so weit entwickelt, dass sie nicht mehr auf Viehweiden und Äcker im Wald angewiesen war. Wald und Flur wurden nun räumlich streng getrennt und jeweils landwirtschaftlich oder als Wald genutzt. Gepflanzte Wälder konnten nun dicht geschlossen aufwachsen und viel älter werden als früher. Die heutigen Hochwälder entstanden.
Dass der Wald weithin fehlte, lag vor allem an den Zwängen der Ernährung der Bevölkerung und den zahlreichen Kriegen am Oberrhein. Diese begannen mit dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) und dauerten mit Unterbrechungen etwa 100 Jahre. Dabei wurde der Holz- und Waldbestand in der Rheinaue und auf der Hardt bis zum Rastatter Frieden (1714) drastisch reduziert. In jedem der Kriege wurden die Wälder zu gewaltigen Holzhieben herangezogen. Am Ende der Kriege wurde den Wäldern das ältere Holz in Kahlschlägen (sog. Reparationshieben) entnommen. Zusätzlich brauchte die Bevölkerung für das tägliche Leben viel Brenn- und Bauholz. So schrumpfte der Waldbestand zusammen.
Quelle: Helmut Volk, Badische Heimat 3/2016

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