Kurpfalz Regional Archiv

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Das sprechende Marienbild

22.05.13 (Geschichten & Erzählungen)

Im Dom zu Speyer sieht man von der Tür bis zum Chor vier runde, eherne Platten in geringer Entfernung voneinander dem Boden eingefügt, auf welchen die Worte zu lesen sind: O sanctissima! O piissima! Dulcis virgo Maria! – zu deutsch: Allerheiligste, Allerfrömmste, Süße Jungfrau Maria! – Die letzte Platte ist von dem auf dem Altar der Kirche prangenden Marienbild nicht weit entfernt.
Hiervon wird erzählt, dem heiligen Bernardus sei es auch einmal begegnet, den Beginn der Messe zu versäumen. Als er nun doch endlich sich einfand und über die vier Platten hinwandelnd, dem Marienbild nahte und dieses nach herkömmlicher Weise mit jenen den Platten eingegrabenen Worten begrüßte, soll bei Nennung des Namens Maria! das Bild das Haupt erhoben und gesprochen haben: »O Bernharde, cur tarn tade!« Zu deutsch: »Woher so spät, Bernardus!« – Worauf dieser mit einer Stelle der Schrift erwiderte: »Mulier taceat in Ecclesia!« Das Weib schweige in der Gemeinde! – Und wirklich soll seitdem das Marienbild nicht mehr sprechen.
Anno 1794, als die Franzosen in Speyer eingezogen waren, holten sie aus dem Dom unter anderem auch das alte wundertätige Marienbild, das vor Zeiten mit St. Bernhard geredet, von jener Zeit an aber geschwiegen hatte. Es sollte mit vielen kirchlichen Geräten unter dem frisch gepflanzten Freiheitsbaum verbrannt werden, wollte aber, wie die Sage erzählt, durchaus nicht brennen, worauf es die Clubisten in kleine Stücke zerhieben, um es doch zu vertilgen.

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