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Erinnerungen an Kerwe

22.10.06 (Altlußheim, Reilingen)

Wenn die Schlumpel regiert, lässt sich der Bauer nicht lumpen / Kerwegeld und Heiratsmarkt
An diesem Wochenende ist es wieder soweit: Die Altlußheimer und Reilinger feiern ihre Kerwe. Begründet wurde dieses Fest bereits im Mittelalter, als der „Tag der Kirchenweihe“ noch zugleich als das Gründungsfest der Gemeinde gefeiert wurde. Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Feiern zunächst in Lussheim, später auch in der Spargelgemeinde in den Herbst verlegt. Dies hatte vor allem praktische Gründe, denn das landwirtschaftliche Jahr ging zu Ende, die Löhne wurden ausbezahlt und die Arbeitsverhältnisse mit den Knechten und Mägden gelöst.
Mit einem feierlichen Erntedankgottesdienst wurde das dörfliche Fest eröffnet. Das einfache Volk feierte fröhlich und ausgelassen. Und selbst die wenigen Gutsherrn und Freibauern in beiden Gemeinden ließen sich zu dieser Zeit „nicht lumpen“ und gaben ihren Knechten und Mägden „Einen aus“ – aber nie mehr.
Die Kerwe brachte Abwechslung in den sonst tristen Arbeitsalltag der einfachen Menschen, die als Leibeigene und Tagelöhner bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts nur wenig Freude in ihrem harten Leben hatten.
Kurz vor Kerwe kamen Händler mit ihren Karren in die Dörfer. Diese Gelegenheit wurde gerne zum Einkaufen und zum Austausch von Neuigkeiten aus den anderen Ortschaften genutzt.
Eine Hauptrolle in der regionalen Kerwetradition spielt die „Schlumpel“. Mit ihr wurde und wird auch in Reilingen noch immer seit altersher das dörfliche Fest eröffnet. Ein „Kerwepfarrer“ und seine „Borscht“ bringen sie zu einer „Kapelle“, einem Wirtshaus nicht unähnlich. Dort wird sie für die Dauer der Kerwe in luftiger Höhe aufgehängt. Und mit der Verbrennung der Schlumpel wird das Feiern auch in diesem Jahr wieder am Kerwe-Dienstag sein Ende finden.
Berühmt, berüchtigt und beliebt zugleich waren die Tanzvergnügen in den örtlichen Wirtshäusern. Den Feiertagen widmete sich die Jugend besonders intensiv dem eigenen Erscheinungsbild, denn die Kerwe galt früher als beliebter Heiratsmarkt. Klar war: Wer einmal zusammen getanzt hatte, galt fortan als Paar.
Kerwe ist aber auch ein Fest der ganzen Familie. Zu den Kerwefreuden der Kinder gehört noch heute das traditionelle „Kerwegeld“ der Großeltern und Paten, um es auf dem Rummelplatz gleich wieder ausgeben zu dürfen.
Überhaupt ist die Kerwe ist ein gutes Stück dörflicher Tradition und erinnert zugleich noch an Zeiten, als sich die „Borscht“ in den Sälen und Höfen der Gastwirtschaften mit den Junggesellen aus den Nachbarorten (in Altlußheim vor allem aus Neulußheim und Rheinhausen, in Reilingen besonders aus Hockenheim und Sankt Leon) rauften, aber spätestens zum Kerweausklang wieder gemeinsam um die brennende Schlumpel weinten. Nostalgisch betrachtet für viele alte Altlußheimer und Reilinger „ä scheene Zeit“.

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