Kurpfalz Regional Archiv

Geschichte(n) und Brauchtum aus der (Kur-)Pfalz

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Jahreswechsel als stimmungsvolles Gesamtkunstwerk

01.01.10 (Speyer)

Silvesterimpressionen aus Speyer / Wetterbesserung pünktlich zum Feuerwerk und Böllern zwischen Dom und Altpörtel / Bemerkenswerte Predigten / „Krönungsmesse“ im Kaiserdom
„In Gottes Namen geb ich kund, geschlagen hat die zwölfte Stund. Nun ist vorbei führwahr, das gute alte Jahr!“ Kaum hatte der Nachtwächter von Speyer den traditionellen Silvesterruf gemäß der Nachtwächterordnung aus dem Jahre 1709 mit dem Choral „Nun danket alle Gott“ beschlossen, setzte mit dem letzten Schlag der Domglocke um Mitternacht im Glanz des Vollmondes pünktlich zum Jahreswechsel ein Feuerwerk ein, wie es die gute, alte Domstadt wohl selten in einer solchen Pracht und Dauer erlebt haben dürfte. Es ging schon so langsam auf ein Uhr im neuen Jahr zu, als die letzten farbenfrohen Raketen am nächtlichen Himmel zu sehen waren, die letzten Böller in den Straßen der jetzt langsam zur Ruhe kommenden Stadt lautstark explodierten. Speyer, seine Bürger und viele Gäste aus nah und fern haben das Jahr 2010 würdig und sicher hie und da auch würdevoll begrüßt. Aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland waren die Besucher angereist, um den Jahreswechsel in der alten Kaiser- und Domstadt zu verbringen. Viele von ihnen nutzten dabei allzu gerne das Angebot des Heimatkundlers Otmar Geiger, der einmal mehr in der Traditionsfigur des Nachtwächters zu einem stimmungsvollen Spaziergang in das neue Jahr eingeladen hatte. Geschichte(n) und Anekdoten, aber auch das Erinnern an das frühere Brauchtum rund um den Jahreswechsel ließen die Zeit scheinbar wie im Fluge vergehen. Und als nach fast drei Stunden der Bummel durch die Jahre mit dem um 1760 an Silvester üblichen „Werzer mit Mandelenbrodten“ ausklang, fühlten sich tatsächlich viele der Rundgangsteilnehmer in die Zeit vor 250 Jahren zurückversetzt. Und nicht wenige nutzten zugleich die Gelegenheit, sich bereits für den nächsten Silvesterrundgang vormerken zu lassen.
Noch am Silvestertag hatte es gar nicht danach ausgesehen, den Abend in den Gassen und auf den Plätzen von Speyer verbringen zu können. Starkregen und Windböen sorgten für einen unfreundlichen Jahresausklang, so dass zunächst die Meisten zu Hause in den warmen Stuben blieben, oder mit dem Besuch des mondänen Silvesterballs in der ausverkauften Stadthalle oder beim begeisternden Silvesterkonzert in der Gedächtniskirche ausklingen ließen. Andere wieder suchten die vielen Wirtshäuser, Restaurants oder Gaststätten auf, die zu einem beschwingten Jahresausklang eingeladen hatten. Wer im „Domhof“ oder im „Zweierlei“ den Abend verbracht hatte, hatte es dann auch nicht mehr weit zum Domplatz oder den Bereich rund um das Altpörtel, wo sich die Menschenmassen und Hobby-Feuerwerker konzentrierten. Für sie gesperrt aber war der Bereich der Maximilianstraße beim Neujahrsmarkt, so dass man von dort aus in Ruhe das Aufsteigen der Raketen und das zum Teil wilde Tun beobachten konnte.
Wer das Jahr 2009 in Ruhe und besinnlicher Atmosphäre begehen wollte, der besuchte die Jahresschlussgottesdienste im Kaiserdom oder den anderen Kirchen der Stadt. Dabei forderte Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann im Speyerer Dom dazu auf, Christus und seinen Visionen zu folgen. Angesichts großer gesellschaftlicher Herausforderungen im Jahr 2010 gelte es in besonderer Weise, Herz, Verstand und Seele für Christus zu öffnen. Der Bischof wies darauf hin, dass Christen in der Geschichte immer wieder die entscheidenden Initiatoren gewesen
seien, dass sanfte Revolutionen möglich wurden und Frieden auch ohne Gewalt bewahrt werden konnte. Aber auch der Zusammenbruch kapitalistischer Systemzusammenhänge in der Krise des Finanzmarkts mitsamt deren weit reichenden Auswirkungen zeige die Notwendigkeit von reinigenden Visionen auf, die auf Wahrheit, Verantwortung und Wertbewusstsein aufbauen müssten. „Mit innerer Stärke und Glaubenskraft wird 2010 ein gutes Jahr werden“, so der Bischof abschließend.
Für die festliche musikalische Gestaltung der zweistündigen Feier im Kaiserdom zeichnete erstmals der neue Domkapellmeister Markus Melchiori verantwortlich. Unter seiner Leitung erklangen die „Krönungsmesse“ für Soli, Chor und Orchester von Wolfgang Amadeus Mozart sowie Joseph Haydns „Te Deum“. Ausführende waren der Domchor, das Domorchester sowie als Solisten Katia Plaschka (Sopran), Julia Diefenbach (Alt), Christian Dietz (Tenor) und Christos Pelekanos (Bass).
Die Verantwortung der Kirche für die Bildung stehe in der Evangelischen Kirche der Pfalz im Mittelpunkt des Jahres 2010, erklärte Kirchenpräsident Christian Schad in Speyer. Die evangelische Kirche stehe für das reformatorische Bündnis von Glaube und Verstehen. „Wir sind der Überzeugung, dass Bildung unvollständig ist, wenn sie nicht die Dimension des Glaubens mit einschließt“, so Schad. Umgekehrt bleibe der christliche Glaube unbegriffen, wenn er nicht verantwortet und verstanden werde. Daher müsse der Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen stärker gewürdigt werden. Außerdem müssten die christlichen Grundüberzeugungen mit den Lebenserfahrungen und Weltsichten gerade auch von Außenstehenden verknüpft werden.
Das große ökumenische Stadtgeläut, das für über 20 Minuten den Jahreswechsel begleitete, schien diese Herausforderungen an die christlichen Kirchen zu bekräftigen. Auch wenn die Glocken sich nicht immer gegen die allzu weltliche Böllerei durchsetzen konnte. Wer aber wie der Nachtwächter für seine Rundgangsteilnehmer einen passenden Platz gefunden hatte, konnte den Jahreswechsel 2009/2010 in Speyer als ein stimmungsvolles Gesamtkunstwerk miterleben.

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