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"Napoleon" und die Karte

07.10.03 (Personalia)

Der FIFA-Schiedsrichter Kurt Tschenscher / Historischer Moment des Weltfußballs
Ein Pfiff und was jetzt kommt, ist nicht nur für Evgeni Lovchev, der gerade seinen mexikanischen Gegenspieler Lopez gefoult hat, eine ganz neue Prozedur. Genau wie die 107 000 Zuschauer im Stadion und die Millionen Fußballbegeisterten vor den Fernsehgeräten wartet der Russe gespannt, was der Schiedsrichter nun tut.
Man schreibt den 31. Mai des Jahres 1970. Es ist die 29. Minute des Eröffnungsspiels der Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko, 12.29 Uhr Ortszeit im Azteken-Stadion von Mexiko-City: Ruhig und gelassen, unbeeindruckt von der Kulisse greift der Unparteiische Kurt Tschenscher aus Mannheim in seine Brusttasche. Ein gelber Karton kommt zum Vorschein. Tschenscher spricht Lovchev an und reckt den Arm mit der Karte in der Hand in die Höhe. Danach schreibt er auf die Rückseite des Kartons die Trikotnummer des Sünders und steckt das gelbe Ding zurück.
33 Jahre später befindet sich die Karte in einer „Erinnerungsmappe“ neben Bildern von Seppl Herberger und Pele. „Ich habe genau darauf geachtet, dass der Spieler mir nicht den Rücken zustreckt“, schwelgt der Jubilar, der am 5.10. seinen 75. im engsten Familienkreis feierte, in Erinnerungen und blickt auf eine erfüllte Schiedsrichter-Karriere zurück.
In Oberschlesien geboren, kam er am Ende des Zweiten Weltkrieges nach Mannheim. Dort schloss er sich dem VfL Neckarau an. Von 1948 bis 1976 leitete der Diplomat und Feldherr auf dem Platz mit dem Spitznamen „Napoleon“ rund 1800 Begegnungen, darunter 41 A-Länderspiele und 126 Bundesligapartien. „Wenn man mich nach meinem schönsten Spiel befragt, muss ich einige aufzählen“, sagt der Bundesverdienstkreuzträger, der von 1971 bis 1990, zum Schluss als stellvertretender Leiter, im Mannheimer Sport- und Bäderamt tätig war. Neben der Eröffnungspartie bei der WM 1970 fallen ihm dabei das Europapokal-Endspiel der Landesmeister 1967 zwischen Celtic Glasgow und Inter Mailand (2:1) sowie das Abschiedsspiel von Pele im Maracana-Stadion ein.
„Auch heute bin ich viel unterwegs“, meint Tschenscher, der auf Schiedsrichterlehrgängen seinen großen Erfahrungsschatz weiter vermittelt und „wenn möglich kein Bundesligaspiel versäumt“. Über seine Nachfolger urteilt er: „Sie machen ihre Sache gut, nur manchmal, da vermisse ich das Fingerspitzengefühl.“
Autor: Reiner Bohlander (Mannheimer Morgen)

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