Verschwenderischer Rokokofürst eines bescheidenen Fürstbistums

Kardinal Franz Christoph von Hutten, Fürstbischof von Speyer, wurde vor 300 Jahren geboren / Prachtvolle Residenz in Bruchsal / Absoluter Herrscher träumte von einem „immerwährenden Speyer“
Am 6. März 2006 wäre Franz Christoph von Hutten, 1743 bis 1770 Fürstbischof von Speyer, 300 Jahre alt geworden. Als Nachfolger des Kardinals Damian Hugo von Schönborn, der die Residenz der Fürstbischöfe nach immerwährenden Streitereien mit dem Rat der Freien Reichsstadt Speyer nach Bruchsal verlegt und das Schloss erbaut hatte, gab Franz Christoph von Hutten die prunkvollen Rokokodekorationen im Innern in Auftrag. Und dem Bruchsaler Stadtbild verlieh er zudem das anspruchsvolle Gepräge einer fürstbischöflichen Residenz.
Franz Christoph von Hutten zum Stolzenberg wurde am 6. März 1706 im fränkischen Steinbach geboren. Er entstammte einem weit verzweigten reichsritterlichen Adelsgeschlecht, das seit langem fest in der hohen Geistlichkeit verwurzelt war. Was lag für Franz Christoph von Hutten also näher, als 1743 die Nachfolge des verstorbenen Damian Hugo von Schönborn anzutreten und das Amt des Fürstbischofs von Speyer zu übernehmen? Anders als Schönborn aber zeigte sich Hutten als geistlicher Souverän, der aus heutiger Sicht dem Bild des verschwenderischen Rokokofürsten ganz und gar entsprach. Er wird als leutseliger, offener und humorvoller Mensch beschrieben, der stets Haltung zu wahren wusste. Wenn auch seine Möglichkeiten der politischen Einflussnahme sich ebenso in Grenzen hielten wie die Ausmaße seines eher bescheidenen Speyerer Imperiums, kultivierte er doch in besonderem Maß das zeittypische Selbstgefühl des absoluten Herrschers.
Die Deckenbilder im Bruchsaler Schloss erzählen noch heute davon: Franz Christoph träumte von einem „immerwährenden Speyer“, in dem die Sonne nicht unterging. Um diese hochfliegenden Träume sichtbar werden zu lassen, strapazierte er die Staatsfinanzen gewaltig. Hutten ging den von Schönborn beschrittenen Weg weiter, und sorgte dafür, dass das Schloss außen wie innen fertig gestellt wurde.
Hierfür beauftragte er zahlreiche bedeutende Künstler, die teilweise schon für seinen Vorgänger Damian Hugo von Schönborn in Bruchsal tätig waren. Der berühmte Barockbaumeister Balthasar Neumann hatte unter Schönborn das großartige Treppenhaus im Innern des Schlosses konstruiert. Im Auftrag Huttens schuf Johann Michael Feichtmayr die fantastischen Stuckdekorationen, Johann Zick ist der Urheber der großartigen Deckengemälde, die unübersehbar dem imperialen Glanz und Ruhm ihres Auftraggebers huldigen.
Von Franz Christophs Leidenschaft fürs Bauen zeugen heute zudem noch die eleganten Architekturen der Peterskirche, des Belvederes (1756 als Schießhaus errichtet) und ein Wasserwerk auf dem Steinsberg. Letzteres diente der Wasserversorgung von Stadt, Schloss und den raffinierten Wasserspielen in den fürstbischöflichen Gartenanlagen.
Als moderner Fürst wollte Franz Christoph dem Fürstbistum „eine nie da gewesene wirtschaftliche Blüte“ bescheren. Dazu wurde die bestehende dörfliche Struktur Bruchsals neu geformt und im Sinne der zeittypischen Wirtschaftsform des Merkantilismus die Industrialisierung im Land voran gebracht. Der Ausbau von Maulbeerbaumplantagen für die Seidenproduktion wurde ebenso gefördert wie die Einrichtung einer Tabakmanufaktur, einer Spitzenfabrik und sogar eines Eisenerzbergwerks. Am meisten lag dem Fürstbischof von Speyer jedoch die Salzgewinnung am Herzen. Dafür ließ er 1748 eine gewaltige Saline errichten.
Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn stand Franz Christoph von Hutten 1761, als ihm Kaiser Franz I. die Kardinalswürde verlieh. Diese hohe geistliche Auszeichnung ließ sich mit dem Erfolg seiner Wirtschaftsförderungsmaßnahmen allerdings nicht recht in Einklang bringen. Die neu eingerichteten Manufakturen und Fabriken erwiesen sich als vom Erfolg nur wenig gekrönte Unternehmen. Trotz staatlicher Protektion hatten sie nur kurze Zeit Bestand.
Franz Christoph von Hutten starb 1770. Bestattet wurde er in der Gruft der Bruchsaler Peterskirche, sein Herz aber ruht noch heute im Muttergottesaltar der Klosterkirche im nahen Waghäusel.