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Von fliegenden Christbaumständern, Tannenbäumen und einer Whiskeyflasche

08.01.10 (Hockenheim)

Erinnerungen an 40 Jahre Christbaum-Sammelaktion zu Gunsten von „Brot für die Welt“ / Reiner Askani, Kurt Engelberth und Esther Kraus erinnern sich an ein ganz besonderes Gemeinschaftserlebnis / Zeit- und Stadtgeschichte miterlebt
„… und als plötzlich am Hochhaus des Alex-Möller-Blocks eine große Tanne direkt auf mich zukam, dachte ich schon, jetzt ist alles aus!“ Reiner Askani lacht heute, wenn er von jenem eiskalten Januartag erzählt, als er mit vielen anderen Hockenheimer Jugendlichen in den Straßen der Rennstadt unterwegs war, um die ausgedienten Christbäume einzusammeln. „Das Schlimmste dabei aber war, dass noch der Christbaumständer daran hing.“ Überhaupt ziehen sich gerade die Christbaumständer wie ein roter Faden durch die Erinnerungen derer, die seit 1971 an den alljährlichen Sammelaktionen teilnahmen. „Manche Konstruktionen waren schier unglaublich“, erinnert sich Kurt Engelberth. Von in Eimern einbetonierten Tannen weiß er ebenso zu berichten, wie von Bäumen, die mit Töpfen oder anderem Geschirr verdübelt waren. Oder von ein paar Brettern, die von einigen Nägeln und einem Schraubenzieher zusammengehalten wurden.
Wenn am heutigen Samstag zum 40. Mal eine Christbaumsammelaktion in Hockenheim stattfindet, werden wie beim ersten Mal im Jahre 1971 wieder Reiner Askani und Kurt Engelberth mit dabei sein. Da mitzumachen sei wie eine Sucht: „Wenn Weihnachten vorbei ist, freut man sich schon auf den Samstag nach Dreikönig.“ Und das geht auch vielen Weggefährten aus alter Zeit so, die sich immer wieder am Einsammeln der Christbäume beteiligen würden. „Erst vor wenigen Tagen hat sich eine ehemalige Mitstreiterin aus den USA gemeldet, dass sie gerne wieder mal zum Einsammeln der ausgedienten Weihnachtsbäume in ihre Heimatstadt kommen würde. Dass es nun aus beruflichen Gründen doch nicht klappt, sei aber kein Hinderungsgrund: „In den nächsten Jahren wird es schon mal wieder klappen!“
Ähnlich wie die „Kellerkinder“ des ehemaligen Jugendtreffs im Lutherhaus-Keller ist man auch über die Jahrzehnte hinweg im Kernteam eine verschworene Gemeinschaft geblieben. Auch wenn es für die damals zumeist jungen Burschen und Mädchen bei eisiger Kälte, Schnee oder Regen oft schwere körperliche Arbeit war, habe es, so Esther Kraus (heute Pfarrerin in Altlußheim), „heidenmäßigen Spass gemacht“. Auf Initiative des damaligen evangelischen Pfarrers Wilfried Schwabe wurde 1969 auch in der Rennstadt mit der Aktion „Brot für die Welt“ begonnen. Wurden in den ersten beiden Jahren nur Orangen an einem Stand gegenüber der alten „Fortuna“ verkauft, konnten mit den Konfirmanden des Jahres 1970 weitere Ideen umgesetzt werden: Nikolaus-Aktion, Christbaumsammeln und das Eintopfessen. Spontan stellten im Januar 1971 vier Landwirte Traktoren mit Anhänger zur Verfügung, die gesteuert von Hermann Billmann, Pastor Schwabe, Theo Oehler und Franz Riedel durch das damals noch überschaubare Hockenheim fuhren, um gemeinsam mit den Jugendlichen die Bäume einzusammeln. „Oft wurden diese aber auch einfach nur aus dem Fenster geworden – oder uns nachgetragen“, so Reiner Askani. Unter Aufsicht der Feuerwehr seien dann die eingesammelten Tannenbäume die ersten Jahre im Schuttloch an der B 36 „abgefackelt“ worden. „Das war für uns immer eine Riesengaudi.“ Inzwischen längst zur gesuchten Biomasse geworden, wurden die Tannenbäume später zunächst auf dem städtischen Häckselplatz verarbeitet, seit 2008 übernimmt die AVR diese Aufgabe. Daher achte man bereits seit vielen Jahren auch darauf, so Martin Engelberth, der heute die Aktion organisiert, dass die Bäume vor dem Aufladen auch wirklich frei von Lametta oder anderem Weihnachtsschmuck seien.
Lässt man die vergangenen vier Jahrzehnte Revue passieren, habe sich, so der Eindruck der aktiven Christbaumsammler, auch in Hockenheim doch viel verändert. So sei nicht nur die Stadt deutlich gewachsen, sondern auch der Straßenverkehr sei nicht mehr mit dem der 1970-er Jahre zu vergleichen. Und die immer verwinkelteren Neubaugebiete würden das Rangieren mit den Traktoren immer wieder zu einer Herausforderung für die Fahrer werden. Am Auffallendsten aber sei die ständig gewachsene Anzahl von Tannenbäumen: „Waren es anfänglich meist Rotfichten, die wir aufzuladen hatten, so liegen heute oft zwei und mehr riesige Edeltannen vor den Häusern.“ Kontinuierlich gewachsen seien aber auch die Spenden für den Abtransport der Weihnachtsbäume. Sei man in den ersten Jahren noch stolz auf Beträge um 1000 Mark gewesen, freue man sich heute, bis zu 3500 Euro der Aktion „Brot für die Welt“ zur Verfügung stellen zu können. Dass es dabei auch immer wieder Zeitgenossen gebe, die nicht einen Cent übrig hätten, aber auch solche die durch Straßen dem Sammelteam nachfahren würden, um ihre Spende abzugeben, gehöre zu den alljährlichen Erfahrungen, so Martin Engelberth. Stolz sei man aber darauf, dass in den letzten 40 Jahren nur zu einem einzigen Unfall gekommen sei, der aber glimpflich ausgegangen sei. Und dankbar ist man allen Landwirten, die in dieser Zeit ihre Traktoren und Anhänger vertrauensvoll in die Hände der jungen Leute gegeben hätten. Kurt Engelberth: „Als junge Burschen und Mädchen haben wir uns alle auf unseren Führerschein gefreut, um beim Christbaumeinsammeln endlich auch mal den Traktor fahren zu dürfen.“
Auch wenn sich in Stadt und Gesellschaft in den letzten vier Jahrzehnten viel verändert hat, die Freude am Einsammeln der Christbäume als echtem Gemeinschaftserlebnis ist geblieben. Und damit auch die Geschichten und Anekdoten, die es seit dieser Zeit immer wieder zu erzählen gibt – und die aber auch nicht immer gedruckt werden können! Wie zum Beispiel die von der Whiskeyflasche, die im Tiefen Weg unter das Bremspedal gerollt war – aber dann doch zu keinem Unfall führte. Oder von der frisch gekauften Tanne mit Wurzelballen, die ein ehemaliger Stadtrat nach dem Sammelsamstag einfach nicht mehr zum Einpflanzen finden konnte …

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