Kurpfalz Regional Archiv

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* Ein Opfer für die Wersau …

27.10.10 (* Wersau-Forschung, * Wersauer Tagebuch)

Ja, ja – das mit dem Wersauer Adel ist so eine Sache: Bei den einen wird man hofiert, bei den anderen blitzt man eiskalt ab! Habe ich jetzt selbst am eigenen Leib verspürt – obwohl ich weder adelig, noch „von“ bin, allerhöchstens „aus“ – nämlich Reilingen. Als ich aber mich gestern Nachmittag beim Landesamt für Denkmalpflege in Esslingen vorstelle, weiß ich das noch nicht …
Was für ein Erwachen: Kein Besucherdienst, kein Kaffee mit Small Talk, keine Begeisterung! So schnell kann ich mir meine Krawatte gar nicht zurechtrücken wie ich in den ersten Stock „abkommandiert“ werde! Und dort empfängt man mich gleich mit dem tadelnden Hinweis, dass ich ja keine Ahnung habe, wie das so bei der obersten DenkmalschutzBEHÖRDE ablaufe. Nicht nur, dass ich mich an das völlig falsche Ministerium gewandt habe, sondern das auch noch ohne jegliche vorherige Ankündigung! Nicht das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur sei für mich zuständig, sondern das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg. Nämlich, dort – und nur dort – werde über alle grundsätzlichen und landesweit bedeutsamen Angelegenheiten des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege entschieden! Außerdem müsse ich auch mich, das Musterbeispiel eines schwäbischen Beamten zeigt mit seinem leicht wursteligen Fingern auf meine etwas verdutzt dastehende Person, solle mich gefälligst an die Regeln – und an den Dienstweg halten. Mehr habe er nicht zu sagen, außerdem sei gleich Feierabend – und er müsse zu einer „Hoggedse“!
Es ist 14.45 Uhr als ich das Büro verlasse. Erst jetzt schaue ich mir das Türschild mal genauer an – und erschrecke: Referat 86: Denkmalpflege im Regierungsbezirk Stuttgart! Um Gottes Willen – Schwabenalarm! Kein Wunder, dass man hier mit einem nordbadischen Kurpfälzer nichts, aber auch gar nichts anfangen kann. Also nichts wie weg … – Schwaben – puuuuuh!
Ich irre durch die Gänge des gewaltigen Neubaus, trage aber vorschriftsmäßig einen Aktenordner unter dem rechten Arm, „tarne“ mich als zum Haus gehörend, werde auch ständig gegrüßt. „Kommschd schbäder au noch zur Hoggedse beim Schiller?“ Jetzt nur nicht auffallen, sie könnten mich ja als badischen Spion entlarven. Leicht gähnend schüttel ich meinen Kopf, mache eine ungeschickte Handbewegung … – die Gefahr ist vorbeigeschwebt, war eigentlich ein überaus hübscher Versuch, mich zu einer „Hoggedse“ (was immer auch Unanständiges das ist) abzuschleppen. Müsste wohl öfters meinen Trachtenanzug anziehen …!
Noch immer irre ich durch den Bau, bin sofort begeistert, als ich plötzlich an einem Türschild lese: Referat 85 – Archäologische Denkmalpflege – Grundsatz, Schwerpunktgrabungen, Feuchtbodenarchäologie! Ich denke noch, das passt doch alles auf unsere Wersau, vor allem das mit den Feuchtgebieten, als auch schon die Bürotür aufgerissen wird: „Noi, heit jetzt nimmer, ich du scho mol zur Hoggedse nafahrn!“ So oder ähnlich klingt es aus dem Mund einer grauen Büromaus, erinnert mich ein bisschen an Brunhild aus der Siegfried-Sage, die dicke Hornbrille scheint sie älter zu machen als sie sicher schon ist! Ob sie sich hier auskenne, unterbreche ich das Gespräch, und höre nur ein Wort und habe das Gefühl, jetzt geht gleich die Welt unter: „PFÄLZER?“ Wie einst Petrus mich selbst verleugnend schüttel ich meinen Kopf, und schwätz was von PFORZHEIMER (ist nicht gelogen, ich bin von dort gebürtig). Die Augen unter der Hornbrille bohren sich mir ins Gesicht – was bin ich froh, dass ich in Ausreden austrainiert bin und nicht rot werde …!
Dann geht alles ganz schnell: Eine zweite, scheinbar noch viel grauere Büromaus latscht in Gesundheitssandalen ebenfalls aus dem Büro, zieht die Tür zu und meint: „Frau Direktor, ich begleite sie jetzt glei zur Hoggedse!“ Will gerade noch fragen, ob das möglicherweise was mit Hoggene zu tun haben könne, als mich die donnernde Stimme der ersten, der Direktorin, wie ein Bannstrahl trifft: „Broschschbegde und Heftle kenne sie sich drunten mitnehmen, die koschded nix!“
Die nächsten zehn Minuten treffe ich in den Gängen keinen Mensch mehr, alle sind, wie mir der Pförtner beim Verlassen des Gebäudes glaubhaft versichert, bei der „Hoggedse der Frau Direktorin im Wengert“. Ob ich da auch noch hingehen würde …
Ich habe genug für heute, beschließe wieder nach Stuttgart zu fahren, um mich dort mit meiner Tochter Barbara zu treffen! Sie hat eine Karte für das Musical „Tanz der Vampire“, denke mir nur noch, dass das nicht besser zu diesem Tag hätte passen können. Jetzt muss ich nur noch die Zeit bis zur Rückfahrt um kurz vor 22 Uhr überbrücken, schlendere so durch das SI-Zentrum und sehe ein Hinweisschild. Klein, aber deutlich ist darauf zu lesen: „Heute Hoggedse bei neuem Wein und Zwiebelkuchen!“
Fluchtartig verlasse ich den Gebäudekomplex, überquere wie im Trauma die Straße, sehe das Schild „Spielbank Stuttgart“, beschließe, dort die Zeit zu verbringen – und verliere knapp 50,- Euro! Wäre ich doch zur „Hoggedse“ gegangen, hätte mich 9,- EUR gekostet – und wüsste endlich, was das ist. Aber für die Wersau bringt man schließlich Opfer – oder?

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