Kurpfalz Regional Archiv

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Heldentat oder historische Legende?

30.12.98 (Geschichte allg.)

MordSeparatistenführer 1924 in Speyer erschossen
Historische Ereignisse können zu Legenden werden. Das Attentat auf den selbsternannten Präsidenten der Autonomen Pfalz am 9. Januar 1924 im „Wittelsbacher Hof“ in Speyer ist in diesem Sinne geradezu modellhaft. Das Deutsche Reich stand im Herbst 1923 am Abgrund. In der Pfalz beschritt eine von der französischen Besatzungsmacht geförderte Autonomiebewegung unter Führung des Bauernführers Franz-Josef Heinz aus Orbis einen Sonderweg: Anfang November besetzte sie pfälzische Bezirksämter und vertrieb die bayerische Kreisregierung aus Speyer.

Bayern war enttäuscht über die mangelnde Bereitschaft der pfälzischen Bevölkerung, gegen die Separatisten mit Militanz vorzugehen. Als im Dezember 1923 die Separatistenregierung die Notbetten in der Kreisregierung mit den komfortableren Hotelzimmern des „Wittelsbacher Hofs“ tauschte und jeden Abend dort im Restaurant in aller Öffentlichkeit unbewacht speiste, sahen die Abwehrspezialisten im Münchener Pfalzkommissariat ihre Chance. Aus den seit dem gescheiterten Hitlerputsch verbotenen rechtsextremen Kampfbünden wurde ein Kommando zusammengestellt, das gegen Entlohnung aus der Staatskasse das schmutzige Geschäft übernahm, Heinz beim Abendessen im vollbesetzten Speisesaal zu „erledigen“, wie es amtlicherseits hieß.
Wer am Tisch von Heinz saß, wurde niedergeschossen. Dass dabei ein Unbeteiligter getötet und ein weiterer verletzt wurde, nahm man in Kauf. Am Schluss ließen insgesamt fünf Menschen ihr Leben. Im Chaos des Abzugs wurden auch ein Kommandomitglied von einem unbemerkt auftauchenden Separatisten und ein weiteres versehentlich von eigenen Leuten erschossen.
Letztlich war das brutale Gemetzel sinnlos. Ende 1923 hatte sich auf politisch-diplomatischer Ebene eine Wende im deutsch-französischen Konflikt angebahnt, durch die auch das Schicksal der pfälzischen Separatisten besiegelt war. Das hinderte allerdings in nationalen Kreisen niemand daran, die Schießerei von Speyer als Befreiungstat zu glorifizieren. Die Legendenbildung hat mit dem monströsen Denkmal auf dem Speyerer Friedhof für die beiden auf der Strecke gebliebenen Attentäter sinnfälligen Ausdruck erhalten.
Die Verklärung der gewalttätigen Separatistenbekämpfung sollte nach 1924 Zweifel an der nationalen Verlässlichkeit der Pfälzer ausräumen, nach 1945 nationales Handeln vor dem Faschismusvorwurf retten. Motto: Einen Verräter wie Heinz-Orbis zur Strecke gebracht zu haben, könne man den Pfälzern nicht ankreiden, das bleibe eine hohe Tat.
Quelle: Rheinpfalz, 30. Dezember 1998, Gerhard Gräber

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