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Kennen Sie die Brezelchristine und den Brezelferdinand?

03.07.90 (Brauchtum & Tradition)

Als „Schutzpatrone“ des traditionellen Brezelfestes in Speyer
gelten seit jeher die Brezelchristine und der Brezelferdinand. Wer
oder was aber versteckt sich hinter beiden Begriffen? Schon 1914
schrieb dazu Dr. Richard Mandler in der BrezelfestFestschrift:

„Alte Speyerer erinnern sich mit Vergnügen an eine ganze Reihe
Originale, die eine komische oder auch tragikkomische Rolle im
öffentlichen Straßenleben spielten. Meist waren das Spitäler, die
einen Sparren zu viel oder zwei zu wenig hatten; war das nicht
der Fall, dann dichtete man ihnen einen an, der an Größe und
Absonderlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Mit der Zeit
schwätzte sich der Volksmund einen Kranz von Schnurren und
Legenden um diese Originale zusammen, in dem man Dichtung und
Wahrheit nicht mehr unterscheiden konnte.

So ist es auch den Schutzpatronen der Speyerer Brezelbubenzunft
ergangen, der Brezelchristine und dem Brezelferdinand. Die Lust
zum Fabulieren ging schließlich so weit, daß die beiden Gestalten
mit ihren Brezelkörben zu nebelhaften Geistern verklärt am
Brezelfesthimmel herumschwebten.

Besonders die Brezelchristine ist so zu Ehren gekommen, von denen
sie sich in ihrem armseligen Leben sicher nichts hat träumen
lassen. Man hat sie kurzerhand zu einer Art Schutzheiligen des
Festes erhaben, gegen deren Bedeutung der Ahnherr der
Brezelbuben, der Brezelferdinand, nicht mehr viel zu bestellen
hat, wenngleich auch er in der Speyerer Brezeltradition seinen
Platz immer noch zu behaupten weiß.

Außerdem ist er am Domportal, linker Hand, in Stein gehauen und
lebt so als Denkmal fort. Zwischen Engeln und Heiligen kauert er
da und hält eine Brezel in der Rechten. Mit der Linken greift er
sich an den Hals und dazu macht er ein Gesicht, als wollte er
sagen: ‚Herrjeh, ich hab jo gar ken Krage an!‘ Barfuß ist er
auch; vielleicht hat sich der Bildhauer gedacht, daß ein
Brezelbub seine Schuhe ausziehen muß, wenn er geweihten Boden
betritt.

Aber er noch auf Erden wandelte hieß er Ferdinand Hellmuth und
war ein ordentlicher, braver Familienvater, der seinen ‚Stall
voll‘ Kinder treu und redlich aus dem ernährte, was sein
Brezelkorb abwarf. Er wohnte in der Mönchsgasse hinter der
früheren Herberge ‚Zum roten Löwen‘ und verfügte als waschechter
Speyerer über eine Urwüchsigkeit, die ihn bekannt und beliebt
machte.

Und nun aber auch auf die Christine zurückzukommen: sie ist
ebenso historisch wie der Ferdinand. Alte Speyerer, die auf Sitte
und Wohlanständigkeit bedacht sind und sie noch gekannt haben,
zeigen sich von ihrem Lebenswandel nicht sehr erbaut. Richtig ist
daran jedenfalls, daß sie in ihren alten Tagen noch von galanten
Jugendeseleien schwärmte, die sie begangen haben wollte, als sie
noch jung, schön und knusperig gewesen. Das mußte aber schon sehr
lange her gewesen sein.

Geboren wurde sie in der Perle der Pfalz, in Neustadt, und zwar
am 2. März 1840. Sie scheint schon frühzeitig nach Speyer geraten
zu sein und soll sich erst mit dem Verkauf von Würstchen ihren
Lebensunterhalt verdient haben. Ihr Name war Christine Kuhn,
genannt Ginster. Sie wohnte in den verschiedensten Vierteln der
Stadt, zuletzt in der Herdgasse und starb, noch ledigen Standes,
am 11. Februar 1906.

Ihren Stammplatz als Brezelverkäuferin hatte sie, in der letzten
Zeit wenigstens, am Eingang der ‚Sonne‘. Zur Berühmtheit wurde
sie aber erst richtig, als ihr schon längst kein Zahn mehr weh
tat, nämlich durch das Brezelfest, das 1910 zum erstenmal
begangen wurde. In den Festzügen wirkte sie regelmäßig mit, indem
sie als ausgestopfte Puppe hoch auf einem Festwagen thronte.

Auch in diesem Jahre wird sie beim Brezelfest zugegen sein, aber
nicht ausgestopft, sondern lebendig. Der Festausschuß hat sie zum
Leben erweckt. Vielleicht wacht auch der Ferdinand wieder auf und
ruft im Chor mit allen Brezelbuben und frauen: ‚Frische Brezle,
meine Herre, frische Brezle!'“

Quelle: unbekannt

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