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Stimmungsvoller Bummel ins neue Jahr

01.01.07 (Speyer)

Massenandrang in der alten Kaiser- und Domstadt / Überfüllter Dom zum Jahresschlussgottesdienst / Krönungsmesse und Rennquintett / Gutes Geschäft für Gastronomie, aber Regen lässt Silvesterpartys am Altpörtel und an der Alten Münze ausfallen / Nachtwächter kündet vom neuen Jahr
Gleich drei große Kreuzfahrtschiffe hatten auf dem Rhein vor Speyer Anker geworfen, damit ihre Passagiere den Jahreswechsel in der alten Kaiser- und Domstadt verbringen können. Und welcher Reiz von dieser Stadt inzwischen ausgeht, wurde auch beim Blick auf die großen Parkplätze deutlich: Bereits am frühen Nachmittag war so gut wie unmöglich, auf dem Festplatz seinen fahrbaren Untersatz abzustellen. Die Besucher aus fern und nah drängten sich in Speyers „guter Stube“, der Maximilianstraße, zwischen Dom und Altpörtel. Viele von ihnen, darunter überraschend viele Familien mit Kinder, nutzten die Zeit bis zum Jahreswechsel, um die sehenswerte Piratenausstellung im Historischen Museum zu besuchen, oder über den bis zum Dreikönigstag verlängerten Weihnachtsmarkt zu bummeln. Die Karussellbetreiber, mehr noch aber die Imbiss- und Getränkestände hatten Hochkonjunktur.
Als dann kurz vor 16 Uhr die Domglocken zum Jahresschlussgottesdienst riefen, fanden die Besucher, die erst jetzt den romanischen Kathedralbau betraten keinen Sitzplatz mehr. Und selbst mit den Stehplätzen wurde es langsam knapp. Als Bischof Dr. Anton Schlembach die Gläubigen begrüßte, waren weitaus mehr Gottesdienstbesucher im Dom als an Weihnachten. Im Mittelpunkt des festlichen Silvestergottesdienstes stand die Bedeutung Jesu für das Leben jedes einzelnen Menschen und die ganze Weltgeschichte. In seiner Ansprache betonte der Bischof, Jesus sei kein überzeitliches Wesen, sondern geschichtliche Wirklichkeit. “Jesus ist Geschichte und er macht Geschichte.” Seine Geburt, seine Predigt, sein Kreuzestod und seine Auferstehung seien die Erfüllung der Zeit, der Scheitelpunkt der Menschheitsgeschichte. Wer Gott nicht nur zum Schöpfer, sondern auch zum Vater habe, für den seien Gott und der Himmel schließlich auch Erbe, ewige und selige Erbschaft, erklärte Bischof Schlembach.
Traditionell wurde der Jahresschlussgottesdienst im Kaiser- und Mariendom besonders festlich gestaltet: Unter der Leitung von Domkapellmeister Professor Leo Krämer ließ der Speyerer Domchor, unterstützt vom Chor der Saarländischen Bachgesellschaft, zum Ausklang des Mozart-Jahres die „Krönungsmesse“ des Salzburger Musikgenies erklingen. Chorsänger als auch die Solisten Andrea Artmann (Sopran), Gabriele May (Alt), Andreas Wagner (Tenor), Thomas Jesatko (Bass) und Elke Völker an der Orgel sorgten zusammen mit der Saarland-Sinfonietta für ein ganz besonderes kirchenmusikalisches Ereignis, das mit Georg Friedrich Händels „Halleluja“ aus dem „Messias“ seinen abschließenden Höhepunkt hatte. Mehr als 2 000 Gottesdienstbesucher dankten mit langem Applaus und Bravo-Rufen. Eine in Kirchen eigentlich ungewöhnliche Beifallbezeugung, die den Menschen aber – oft mit Tränen in den Augen – in diesem Moment aus dem Herzen sprach.
Doch damit war der Silvesterabend in Speyer noch lange nicht zu Ende. Die Plätze in den Wirtshäusern, Gaststätten und Restaurants waren so gut wie ausgebucht, wer nicht reserviert hatte, der hatte Mühe, noch einen freien Tisch zu bekommen.
Wer den letzten Abend des Jahres etwas ruhiger, ja besinnlicher ausklingen lassen wollte, der besuchte in der Gedächtniskirche das großartige Konzert mit dem weltbekannten Rennquintett, dem total (un)normalen Brassquintett mit Solobläsern des SWR-Rundfunkorchesters und der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, und Robert Sattelberger an der Orgel. Die exzellente Musik, aber auch die besondere Stimmung der noch weihnachtlich geschmückten Hauptkirche der pfälzischen Protestanten sorgten für besondere Momente zum Jahreswechsel.
Was aber Restaurant- und Konzertbesucher zu diesem Zeitpunkt noch nicht merkten, war das Einsetzen des Regens begleitet von zum Teil stürmischen Böen. Dies war dann auch die negative Seite des Abends, denn die geplante Silvesterparty um die Eisbahn am Altpörtel fiel so ebenso ins Wasser wie das von den Standbesitzern erhoffte rege Treiben zwischen den Neujahrsmarktbuden vor der Alten Münze.
Nicht abschrecken von diesem ungemütlichen Wetter ließ sich aber der Nachtwächter von Speyer in der Person von Otmar A. Geiger. Wie einst seine historischen Vorbilder aus der Barockzeit zog er in seiner Galauniform durch die Straßen der Stadt, um begleitet von vielen mit Regenschirmen ausgestatteten Spaziergängern vom neuen Jahr zu künden und dieses auch pünktlich um Mitternacht vor dem Dom auf seinem großen Horn anzublasen. Dieser Klang mischte sich dann mit dem großen Speyerer Stadtgeläut und dem Böllern Tausender Feuerwerkskörper. Trotz des Regens waren zu diesem Zeitpunkt Menschenmassen auf den Straßen und Gassen, um die alte Reichsstadt in einen besonderen Farbenmantel zu hüllen. Ob des böigen Windes war es aber nicht immer ungefährlich, die Raketen und Vulkanbatterien zu zünden. Obwohl die Feuerwerkskörper nicht immer dort landeten, wo sie es eigentlich sollten, blieb Speyer in dieser Nacht von größerem Schaden bewahrt, so dass der Start ins neue Jahr als gelungen betrachtet werden kann und als gutes Omen für die kommenden 365 Tage gelten sollte. Ganz wie es der Nachtwächter bei seinem ersten Rundgang im neuen Jahr gemäß dem alten Speyerer Neujahrsruf verkündet hatte: „… und mit Gottes Segen gehn wir fürwahr in ein garwohl glüclich Neyjahr …!“

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