Kurpfalz Regional Archiv

Geschichte(n) und Brauchtum aus der (Kur-)Pfalz

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Vermummte Gestalten ziehen durch den Tann

12.10.10 (Neulußheim)

Die Geschichte der Neulußheimer Kerwe-Wilderer / Ein Blick in Akten lässt Geschichte lebendig werden / „3. Badischen Jäger“ im Einsatz

Alljährlich zur Kirchweih zogen einst die Neulußheimer „Kerwe-Wilderer“ aus in die nahen Wälder, um die Gasthäuser mit frischem Wildbret zu versorgen. Dies belegen Einträge in alten großherzoglich-badischen Gerichtsakten. Mit Hilfe dieser Archivalien und dem Dorfsippenbuch der Schickard-Gemeinde kann noch heute das Geschehen nachverfolgt, und damit zu einem lebendigen Stück Neulußheimer Dorfgeschichte werden. Und als romantisierte Erzählung hätte die Geschichte zumindest in den 1950-er Jahren sicher auch als Vorlage für einen Heimatfilm voller Herz und Schmerz getaugt.
Erinnern wir uns: Es ist Herbst geworden. Die ersten Nebel verhüllen gespenstisch die Landschaft der Rheinniederung. Die Bauern in den Dörfern haben alle Hände voll zu tun, die letzte Ernte einzufahren und so zu lagern, dass die Früchte des Gartens und der Felder die lange Winterzeit schadlos überstehen. Die Kartoffeln sind bereits eingelagert und überall im kleinen Dörfchen Neu-Lußheim sind die Bewohner kurz vor dem Kirchweihfest damit beschäftigt, Äpfel und Birnen einzukellern. Zwetschgen werden gedörrt, süßsauer eingekocht oder in ein Fass eingeschlagen. Wer die Möglichkeit hat, ist mit dem Fuhrwerk nach Hockenheim oder Reilingen unterwegs, um das gefallene Obst zu Most zu keltern. Andere kommen gerade aus dem Kraichgau oder der nahen Pfalz zurück, wo sie sich mit neuem Wein eingedeckt haben. Kein Wunder also, dass es in allen Kellern rund um die Gasthöfe „Zum Bären“ und „Zum Adler“ in der Dorfmitte brodelt und besonders würzig riecht. Die Kinder werden hinausgeschickt, um am Waldrand Schlehbeeren, Hagebutten oder Pilze zu sammeln, während zu Hause von den Eltern ein Schwein oder eine Ziege geschlachtet wird.
So kurz vor Kerwe hat man in dem noch jungen Dorf zwischen Rhein und Lußhardt viel zu tun. Es ist vor allem der nahe Wald, der den Neulußheimern um diese Jahreszeit ein gutes, wenn auch illegales Zubrot beschert. In den frühen Morgenstunden oder kurz vor der abendlichen Dämmerung wird es in der Lußhardt richtig lebendig. Vermummte Gestalten ziehen durch den Tann, um einer für die damalige Zeit beliebten Tätigkeit nachzugehen, die im „Badischen Landrecht“ mit einem Wort umschrieben wird: Wilderei.
Irgendwie scheinen diese „nicht ganz legale Aktivitäten“ den frühen Bewohnern im Blut zu liegen. Bereits um 1780 gilt der damals zu Württemberg gehörende Ort nämlich als „gar wohl wahres Schmugglernest“ und wird in den Akten der Obrigkeit öfters auch so tituliert. Mit dem Entstehen des Großherzogtums Baden „spezialisiert“ man sich im Dorf darauf, nicht nur sich selbst, sondern auch windige Auftraggeber mit frischem Wildbret zu versorgen. Die Lußhardt mit ihren ausgedehnten Eichen-, Buchen- und Forlenwäldern ist wildreich und beherbergte noch Hirsche, angeblich auch Bären.
Der Ruf der Neulußheimer Wildschützen ist weithin bekannt, aber die Obrigkeit tut sich sehr schwer mit der Feststellung der Übeltäter. Im Generallandesarchiv ist nachzulesen, dass sogar eine Einheit der „3. Badischen Jäger“ aus Rastatt in die Lußhardt zwischen Waghäusel, Kirrlach und Reilingen abkommandiert wird, um dem „wilden Schießen“ endlich ein Ende zu bereiten. Dabei fällt den Ermittlern auf, dass es besonders um die Kirchweih in den einzelnen Orten „zu gar vielfältig wiederkehrenden Wildschießens“ kommt. Dies hat seinen guten Grund, denn immerhin gilt frisches Wildbret bei der Bevölkerung als beliebte Kerwedelikatesse. Und da alle Gastwirte wenigstens ein solches Gericht anbieten wollen, muss ständig für reichhaltig Nachschub gesorgt werden.
Bekannt ist aus alten Akten, dass vor allem der „Adlerwirt aus Neu-Loßheim“, noch mehr aber der Wirt vom „Grünen Baum“ im nahen Hockenheim einen besonders großen Bedarf an Wildbret hat. Also ergeht immer wieder der Ruf und die Bitte nach Neulußheim, für „ein gutes Stück Geld“ die Wildkammer wieder „aufzufüllen“. Die Neulußheimer Wildschützen, die nicht selten mit denen aus Kirrlach oder St. Leon um die meisten Abschüsse wetteifern, führen auch untereinander einen Wettbewerb um den „wohl gutsten Kerweschütz“ durch. Ein Gerichtsprotokoll aus dem Jahre 1824 nennt einen „Peter Schwechheimer zu Neu-Lußheim“ als „gar üblen, aber trefflich guten Wildschützen“, der es fertig gebracht habe, am Donnerstag vor Kirchweih „vier Sauen, drey Reh, gar ein capitalen Hirschen und an der 20 Hasen und Hühner“ in einer Nacht zu erlegen. Auf die Frage des zuständigen Amtsrichters in Schwetzingen, was er denn mit so vielem Wildbret habe anfangen wollen, zitiert das Protokoll die Antwort: „Für den Wirt bräucht ich alle Reh, den Rest aber fraß die Badisch Reiterei!“
Wer sich am Wochenende in einer der Neulußheimer Gaststätten Wild auftischen lässt, kann seinen Kerwebraten guten Gewissens verspeisen, denn erlegt wurde es mit Sicherheit von keinem „wilden Kerweschützen“. Heute sind die Jäger nämlich froh, wenn sie in der Lußhardt überhaupt ein gutes Stück Rehwild vor die Büchse bekommen.

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