Kurpfalz Regional Archiv

Geschichte(n) und Brauchtum aus der (Kur-)Pfalz

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Vivats aus der Kurpfalz

18.01.96 (Geschichte allg.)

In der jüngeren deutschen Geschichte wurde der 18. Januar 1871 zu
einem einschneidenden Ereignis: An diesem Tag wurde im
Spiegelsaal des französischen Prunkschlosses Versailles das
Deutsche Kaiserreich proklamiert. Drei blutige Kriege, unter
anderem der zu diesem Zeitpunkt noch tobende DeutschFranzösische
Krieg, waren nötig, um die nur lose verbundenen Staaten
Deutschlands zusammenzuführen. Es war Reichskanzler Fürst Otto
von Bismarck, dem es vorbehalten war, den preußischen König zum
ersten Kaiser des Deutschen Reiches auszurufen.

Doch damit das „Vivat“ auf den neuen Kaiser Wilhelm I. erschallen
konnte, mußten viele Menschen ihr Leben lassen. Der Krieg von
1870/71 bildete zugleich einen traurigen Höhepunkt in der
sogenannten Erbfeindschaft der Nachbarländer. Auch aus der
Kurpfalz zogen viele Männer aus, „um freudig ihr Blut zu
vergießen und mit Gottes Hilfe glorreich zu siegen“, wie es in
einem Aufruf jener Tage hieß.

Schon seit längerem zeichnete sich der Krieg zwischen den beiden
Nachbarn rechts und links des Rheines ab. „Dieser Krieg mit
Frankreich wird kommen“, prophezeite Reichskanzler Bismarck
bereits 1868. Der Anlaß ergab sich, als Spanien einen neuen König
brauchte und dafür einen entfernten Verwandten des Preußenkönigs
Wilhelm ins Auge faßte. Weil aber die französische Regierung
diesen Plänen heftig widersprach, trat der Hohenzollernprinz von
der Kandidatur zurück. Trotzdem verlangte der französische
Botschafter in Berlin, Graf Benedetti, eine Garantieerklärung,
daß Preußen für immer auf die Anwartschaft verzichte. Der so
bedrängte Monarch lehnte ab, ließ den in seinen Urlaubsort Bad
Ems nachgereisten Diplomaten stehen und telegraphierte den
Sachverhalt in der berühmten „Emser Depesche“ nach Berlin.

Bismarck straffte den Text, um den Wortlaut zu verschärfen, und
übergab die redigierte Fassung an die Presse. Wilhelms Abweisung
klang nun so schroff, daß Frankreich sich brüskiert fühlen mußte.
Innerhalb weniger Tage, am 19. Juli 1870, ging die
Kriegserklärung Frankreichs in Berlin ein. Ein Krieg, der zehn
Monate dauern sollte, hatte begonnen.

Der Aufmarsch der Truppen aus allen Gauen des noch nicht geeinten
Deutschlands verlief schnell und reibungslos. Die preußischen
Planer hatten auf die neue Technik gesetzt, auf die Eisenbahn und
den Telegraphen. Die Truppen sammelten sich in drei Hauptarmeen,
eines dieser drei Heerlager war übrigens bei Altlußheim. Es war
die Armee des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm, die dort
mit Fähren über den Rhein setzte. Von überall kamen die
Heerscharen mit der Eisenbahn angereist. Von den Bahnhöfen in
Mannheim und Heidelberg, aber auch Schwetzingen und Hockenheim
marschierten die Truppen durch die Gemeinden in Richtung
Altlußheim. Überall schlossen sich Kriegsdienstleistende und
Freiwillige an.

„Wir leben in großen Tagen. Vor wenigen Wochen mußten wir dem
frechen Angriff des alten Feindes der Deutschen entgegentreten in
banger Sorge um Haus und Herd, um die Ehre unserer Frauen und um
das höchste Gut, die Zukunft unseres deutschen Vaterlandes.“ So
lautete der propagandistische Text eines Aufrufs Anfang
September. Wieviele dieser „tapferen Helden“, der „treuesten
Söhne unseres deutschen Vaterlandes hingesunken sind auf die
blutige Erde“, ist zumindest für die Kurpfalz unklar.

Sicher ist allerdings, wie hoch die Kriegskosten für die
einzelnen Gemeinden ausfielen. So mußte beispielsweise das damals
964SeelenDorf Brühl 5.000 Gulden aufbringen. Dies war fast
genau so viel, wie wenige Jahre zuvor beim Bau des Rathauses
zu bezahlen waren. Eine nicht ganz einfache Sache für die kleine
Gemeinde im Süden Mannheims. Es mußte eigens ein Kredit
aufgenommen werden, um die Abgabe an die großherzogliche Kasse zu
entrichten.

Großherzog Friedrich I. von Baden war bei der Proklamation des
Kaiserreiches in Versailles zum Sprecher der deutschen Fürsten
ernannt worden. Er stimmte die begeisterten Hochrufe der
Versammlung von Fürsten und Offizieren an. Der deutsche Kaiser
wurde, zehn Tage vor der Übergabe von Paris, mitten im Krieg, an
einem preußischen Gedenktag im früheren Sitz des französischen
Sonnenkönigs gefeiert. Dies kam einer Verhöhnung des Feindes
gleich, die den Graben noch tiefer machte.

Der Friedensschluß vier Monate später bot weiteren Zündstoff und
belastete die deutschfranzösischen Beziehungen auf Jahrzehnte
hinaus. Elsaß und Teile Lothringens fielen ans neue Deutsche
Reich. Außerdem wurden Reperationszahlungen von fünf Millionen
Franken festgelegt, die Deutschland, auch den Gemeinden der
Kurpfalz, kurzzeitig einen Aufschwung, die sogenannten
Gründerjahre, bescherten.

Die Beziehungen zum westlichen Nachbarn waren lange auf Dauer
geschädigt. Es sollte fast 80 Jahre dauern bis sich das
Verhältnis wieder normalisierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg
wurden Freundschaften und partnerschaftliche Beziehungen von
vielen kurpfälzischen Orten mit französischen Städten und
Gemeinden begründet. Sie wurden die Grundlage zur heutigen
deutschfranzösischen Freundschaft. So sind aus den Feinden von
früher heute echte Freunde geworden, die eng miteinander in einem
gemeinsamen Europa leben.

Aus: SZ vom 18.1.1996 nach rs

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