Kurpfalz Regional Archiv

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Wer zählt die Tage der alten Post?

14.01.07 ("Hoggemer Perspektiven", Hockenheim)

Hoggemer Perspektiven (3)

Heimatpflege? Stadtgeschichte? Denkmalschutz? In Hockenheim scheinbar noch immer Fremdworte, Begriffe, die scheinbar Angst und Schrecken bereiten. Während man überall stolz auf seine Vergangenheit und Altvorderen ist, werden diese in der Großen Kreisstadt (ob Hockenheim diesen Titel mitsamt seinen Pflichten zurecht trägt, ist ein ganz anderes Thema) regelrecht mit den Füßen getreten. Jüngste Beispiele gibt es zuhauf und müssen an dieser Stelle aber nicht alle genannt werden. Erinnert sei aber an die Bauarbeiten im Quartier zwischen Unterer Hauptstraße und Hirschstraße, in den Mühlstraßen und natürlich auf dem Gelände des ehemaligen Freihofes, dem heutigen Parkplatz hinter dem katholischen Gemeindezentrum, der ehemaligen Festhalle. Gemeinsam ist für alle, dass teilweise aufwändige Bodenarbeiten vorgenommen, aber der Bodendenkmalpflege auch nicht einmal ein paar Minuten eingeräumt wurden.
War es auch in Hockenheim einstmals üblich, dass bei Bauarbeiten im Bereich der historischen Innenstadt (also dem Bereich, wo einst das kurpfälzische Grenzdörfchen Hockenaw lag) ein fachkundiger Blick auf die Baugruben oder Baggerarbeiten geworfen wurde (unvergessen der spätere Ehrenbürger Josef Hauck oder der Archäologe Dr. Wolfgang Auer), kommt man heute gar nicht mehr dazu. Es ist immer der gleiche Vorgang: kaum ist die Grube für den Neubau ausgehoben, kommt auch schon der Betonmischer, um das Fundament zu gießen. Egal, ob sich nun historische Spuren gezeigt haben – oder gar ausgewachsene Funde wie Besiedlungsspuren, Kellergewölbe oder gar Brunnenanlagen. Mehr als einmal wurde ich in den letzten Wochen und Monaten mit Gewaltandrohung, teilweise sogar körperlichen Attacken von Baustellen in der Innenstadt verwiesen. Und dies stets mit dem Hinweis auf das Hausrecht oder angebliche Aussagen vom städtischen Bauamt, dass man „den Geiger überhaupt nicht auf das Grundstück“ lassen müsse. Formaljuristisch sicher richtig, aber zugleich auch ein Beispiel für den Stellenwert der Stadtgeschichte in Kommunalpolitik und bei Ämtern!
Besonders verwerflich in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass sogar städtische Mitarbeiter aufmerksamen Bauarbeitern den „Befehl“ geben, den Fund sofort wieder zuzuschütten. Welch wichtige Spuren der inzwischen 1.238-jährigen Hockenheimer Stadtgeschichte dabei gerade in den letzten Wochen und Monaten bewusst – und vor allem unwiederbringlich zerstört wurden – lässt sich nicht mit Worten beschreiben. Dabei ging es überhaupt nicht um (sehr kosten- und zeitintensive) archäologische Grabungsarbeiten sondern nur darum, die Funde zu fotografieren, kurz einzumessen – eben für die Nachtwelt zu dokumentieren. Aber einmal mehr: Grube zu, Geschichte tot!
Ähnliches könnte jetzt auch mit der alten Post in der Karlsruher Straße passieren, denn für den Gebäudekomplex in der Karlsruher Straße sind derzeit (gleichfalls heimlichtuerische) Bestrebungen im Gange. Bekanntlich handelt es sich dabei um zwei Gebäude mit relativ original erhaltener Bausubstanz und schöner Fassade aus der vom Jugendstil die aufstrebende Stadt prägenden Zeit. Vergleichbares ist in Hockenheim nicht mehr allzu oft zu finden. Aber was ist nun geschehen? Anfang Oktober letzten Jahres stand die Alte Post zur Zwangsversteigerung an. Ein Hockenheimer Ehepaar, auf der Suche nach einem erhaltungswürdigen Altbau, fragte beim Stadtbauamt nach, welche Vorstellungen die Stadt zur zukünftigen Nutzung habe bzw. inwieweit ein Erhalt der Gebäude möglich sei. „Mit ernüchterndem Ergebnis. Wie zu erfahren war, ist ein solches Engagement durch Privatpersonen eher nicht erwünscht“, so der Interessent (der Name der Redaktion bekannt) gegenüber der HOCKENHEIMER WOCHE.
Die Zwangsversteigerung wurde dann – wohl mangels Interesse von Seiten finanzkräftiger Investoren – wieder abgesagt. Jetzt aber scheint wieder Bewegung in die Sache zu kommen. So existiert inzwischen ein vom Gemeinderat genehmigter Bebauungsplan, der einen kompletten Abriss der Alten Post bzw. eine Neubebauung des Geländes (ein Filetstück für die innerstädtische Bebauung mit einem weiteren Wohnblock) vorsieht. Wie zu erfahren war, soll eine Entscheidung über eine Realisierung noch in diesem Monat fallen – wahrscheinlich wie immer hinter geschlossenen Türen. Damit würden zwei weitere der wenigen noch in Hockenheim existierenden Gebäude aus dieser wichtigen Epoche der Hockenheimer Stadtentwicklung für immer verloren gehen. Die Tage der Alten Post sind gezählt! In diesem Sinn eine schöne Woche …
Otmar A. Geiger

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