Kurpfalz Regional Archiv

Geschichte(n) und Brauchtum aus der (Kur-)Pfalz

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Jesuiten prägten die Entwicklung der Kurpfalz

21.08.98 (Glaube & Religion, Kirchen & Klöster)

Der Seelsorger (Operarius) des Kurfürsten Carl Philipp (1661 – 1742), Franz Seedorff, der Seelsorger Matthäus Vogel, der Fabeldichter und Bibliophile Francois Joseph Terrasse Desbillons und der in der Mannheimer Sternwarte forschende Hofastronom, Landvermesser und Kartograph Christian Mayer trugen alle ein „SJ“ hinter ihrem Namen. Damit bekannten sie sich zum Jesuitenorden, der 1534 von Ignatius von Loyola gegründet worden war. Dazu gehörten aber auch viele andere Gelehrte, Künstler und Erzieher, die in einer Chronik von 1725 selbstbewußt festhielten: „Mannheim hat ein anderes Gewissen, seit es durch den Schweiß und die Mühen der Unseren geformt wird“. Wie aber sah Mannheim im 18. Jahrhundert, seiner Blütezeit, aus? 3.360 Bürger wohnten 1720 in der Stadt an der Mündung des Neckars in den Rhein. Diese staunten nicht schlecht, als Kurfürst Carl Philipp seine Residenz nach Mannheim verlegte und ihm der ganze Hofstaat nachfolgte.
Im damaligen Sprachgebrauch nannte man die Umsiedlung nach Mannheim „missio“, Aussendung. Im Streit um die von beiden Konfessionen genutzte Heiliggesitkirche in Heidelberg hatte der Kurfürst die alleinige katholische Nutzung nicht durchsetzen können. Wutentbrannt zog er nach Mannheim. Der Herrscher gestand den überwiegend protestantischen Bewohnern seines neuen Wohnortes 1728 die Gründung einer Handlungsinnung zu, belegte sie aber gleichzeitig zur Finanzierung des Schloßbaus mit einer Schloßbausteuer.
Seiner vorgelebten Frömmigkeit und der Seelsorge der Jesuiten, die weder den Kontakt zu den Ärmsten der Armen noch den zum Tode Verurteilter scheuten, war es zu verdanken, daß in Mannheim bis zu seinem Tod 1.082 Bürger konvertierten. Diese „Conversiones“ ließ sich der Regent aber allein 1723 mehrere tausend Gulden kosten. Heute darf vermutet werden, daß der religiöse Sinneswandel mitunter oft wirtschaftlich „motiviert“ war.
In dieser Gesellschaft im Wandel hinterließen die Jesuiten vielfältige Spuren. Zwischen 1733 und 1758 entstand unter den kurpfälzischen Baumeistern Alessandro Galli da Bibiena und Nicolas de Pigage die bedeutendste Barockkirche Südwestdeutschlands, die Jesuitenkirche. Zwischen dieser und dem Westflügel des Schlosses errichteten die Jesuiten dank der großzügigen Unterstützung des Kurfürsten ihr Kolleg. Hinzu kam die der Marienverehrung gewidmete Wallfahrtskirche in
Oggersheim, die den Jesuiten  1733 übergeben wurde. Aus Angst vor Besitzverlust unter einem nichtkatholischen Herrscher sicherte der Priester Matthäus Vogel SJ (1695 – 1765) bei einer Oggersheimer Gemeinderatssitzung dem Orden den Grundbesitz.
Auch in der Kurpfalz strebte der Jesuitenorden seine wirtschaftliche Unabhängigkeit an. Ein Kollegium sollte „fundiert“ sein, also über landwirtschaftlichen Besitz verfügen. Heute noch gibt es Weinlagen, die „Jesuitengarten“ heißen, deren Weine im 18. Jahrhundert als Kapitalreserve gelagert wurden, oder aber dem Eigenverzehr dienten. Ende 1745 lagerten im Weinkeller des Mannheimer Kollegs 39 Fuder Wein, rund 39.000 Liter. Elf Fuder davon dienten dem Eigenverbrauch: Bei 21 Personen waren dies durchschnittlich 523 Liter im Jahr, am Tag also eineinhalb Liter Wein.
Auch das noch erhaltene Gebäude im landwirtschaftlichen Hofgut Petersau (nördlich von Frankenthal), damals auf einer Rheinarm Insel gelegen, zeugt von den Aktivitäten der Jesuiten. 1737 hatten diese das Hofgut der kurfürstlichen Hofkammer abgekauft. Carl Philipp befreite sie von der Steuer, dem Novalzehnten, der für gerodetes Land zu entrichten war. Diese Entscheidung sorgte für Neid im Umfeld.
Wirtschaftlichen Einblick in Einnahmen, Ausgaben, Erträge und Verwendungen lassen sich einer Tabelle von 1745 entnehmen. Der Ertrag aus dem Petersauer Hafer belief sich beispielsweise auf 98 Gulden. Für Brot gab das Kollegium im gesamten darauffolgenden Jahr 77 Gulden aus, für Wagen und Pferde 64 und für Milch 395.
Neben den religiösen widmeten sich die Mannheimer Jesuiten vorwiegend erzieherischen und seelsorgerischen Aufgaben. Von einer grundlegenden Strategie konnte dabei aber nicht gesprochen werden. Die Jesuiten orientierten sich an der Ordensmaxime „Gott suchen in allen Dingen“. Der kurfürstliche Hof unter Carl Philipp war zu Ende dessen Lebens an Frömmigkeit kaum zu überbieten. Zu den ständigen Menschen um den Regenten zählte dessen Beichtvater Nikolaus Staudacher – ebenfalls ein Jesuit. Der Orden nutzte die Gunst der Stunde und besetzte mit außergewöhnlichen Männern Monopolstellungen in der Stadt und damit in der gesamten Kurpfalz. Jedenfalls solange, bis sich die Gegner des Jesuitenordens durchsetzen konnten.
Auf Betreiben kirchlicher Kreise und der Bourbonenhöfe wurde der Orden nach Spanien und Frankreich am 16. August 1773 auch in Deutschland durch Papst Clemens XIV. aufgelöst. Der jetzt regierende Kurfüst Carl Theodor verweigerte in Mannheim den Vollzug des Aufhebungsdekrets bis zur amtlichen Zustellung. Die Ordensmitglieder wurden zu Pensionären oder wurden mit neuen Aufgaben betraut. Am 7. August 1814 wurde der Jesuitenorden durch Papst Pius VII. wieder zugelassen. In die Kurpfalz sollte er aber erst wieder 1947 zurückkehren, als ihn Erzbischöf Gröber mit dem Wiederaufbau der im 2. Weltkrieg zerstörten Jesuitenkirche in Mannheim beauftragte.

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