Kurpfalz Regional Archiv

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Mannheimer Warenhäuser verändern Stadtbild

04.10.89 (Handel & Handwerk, Städte & Gemeinden)

Revolutionär in Baustil, Warenangebot und Verkaufsmethode
Die Kurpfalzmetropole Mannheim hatte schon immer einen guten Ruf als bedeutende Einkaufsmetropole. Begründet wurde dieser aber nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern bereits um die Jahrhundertwende. Um diese Zeit entstanden in der Quadratestadt neben den alteingesessenen namhaften Einzelhandelsgeschäften die ersten großen Warenhäuser. Neu an dieser aus den USA stammenden Idee war, daß eine großes Warenvielfalt zu erstaunlich kleinen Preisen angeboten werden konnte. Auch rein äußerlich veränderte sich dadurch das Mannheimer Stadtbild. Die Architektur dieser Warenhäuser war zum Teil revolutionär und ging neue Wege.
Für die Entstehung und stete Bewährung der Warenhäuser waren drei Bedingungen verantwortlich: Die neuzeitliche Massenproduktion von Waren, wie sie im späten 19. Jahrhundert aufkam, die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse des jeweiligen Standortes und die Bevölkerungsverdichtung in der Großstadt mit ländlichem Einzugsbereich. Diese Voraussetzungen waren um 1900 für Mannheim gegeben. Mehr noch, denn in der Stadt war die industrielle Arbeiterschaft stark im Anwachsen, was den Wunsch nach preiswerten Waren steigerte. Außerdem konnten die Bewohner der Mannheimer Vororte und der Dörfer ringsum mit den verschiedenen Bahnen die Stadt schnell und bequem erreichen. Für
einige Zeit konnte man sogar „fer umme“ zum Einkaufen nach Mannheim fahren, denn die großen Warenhäuser vergüteten beim Einkauf den Fahrpreis. So war es nicht verwunderlich, daß auch immer mehr Menschen aus Schwetzingen oder Hockenheim zum Einkaufen „in die Stadt“ fuhren.
Mannheim selbst war um die Jahrhundertwende eine in „amerikanischem Tempo wachsende Industriestadt“. Als einer der ersten erkannte der 1873 aus Neckarbischofsheim zugezogene Sigmund Kander die Zeichen der Zeit. Zusammen mit seiner Frau eröffnete er in der Unterstadt, unweit der Breiten Straße, ein Garn und Kurzwarengeschäft. Nach seinem Tod führte dessen Witwe und der Sohn das Geschäft im Quadrat S 1 weiter. Nach einem abermaligen Umzug nach H 1,8 in die ehemaligen Verkaufsräume der Telegraphendraht und Metallgewebefabrik von Carl Schacherer wagte man den Sprung zum Großbetrieb, den Schritt zum ersten Warenhaus in Mannheim. Dazu wurde das barocke Wohnhaus mit der Traditionslokal „Zum Silbernen Anker“ auf T 1,1 abgebrochen. Nach den Plänen des Mannheimer Architekten Albert Speer sen. wurde ein Geschäftshaus aus Stahlgerippe und Glaswänden erbaut. Ob seines revolutionären Baustils wurde es sehr schnell zu einer Sehenswürdigkeit in der ganzen Kurpfalz und darüber hinaus.
Eine Besichtigung des viergeschössigen Gebäudes lohnte sich auf jeden Fall. Die Eisenskelettkonstruktion ermöglichte eine offene, in den Etagen ungeteilte Weiträumigkeit, die nur durch die schlanken Pfeiler gegliedert, durch den Lichthof in der Mitte und die großzügig dimensionierte Treppe dominiert war. In 50 Abteilungen wurden die Waren übersichtlich zum Verkauf angeboten. Die großen Fenster, die alle Wände an der Breiten Straße und in der Seitenstraße überflüssig machten,
dienten sowohl als Lichteinfall wie als Warenauslage und Reklamefläche. Bei Kander mußte, wie in der neuen Branche üblich, alles bar bezahlt werden. Es konnte nicht mehr „angeschrieben“ oder mit Naturalien bezahlt werden. Doch dafür waren die Preise relativ niedrig, da die Warenhausinhaber verbilligt einkaufen konnten. Bereits kurz nach der Eröffnung des Mannheimer „Glitzerpalastes“ spürte man die enormen Vorteile des neuen Geschäftstyps. Die neue Entwicklung ließ sich nicht mehr aufhalten.
Der aus Posen stammende jüdische Kaufmann Hermann Wronker war der nächste, der sich das Erfolgsrezept zu Nutze machte. Seit 1883 besaß er mit seinem Bruder Simon und einem Mitglied der Familie Tietz in der Kunststraße ein Weiß- und Kurzwarengeschäft, das zehn Jahre später nach D 2,6 verlegt wurde. Die geplante Eröffnung eines Warenhauses wurde zu einem Wettlauf mit dem Kaufmann Schmoller, dessen Haus in nur achtmonatiger Bauzeit auf P 1 am Paradeplatz errichtet und im Herbst 1904 eröffnet wurde. Konkurrent Wronker konnte seinen Konsumtempel dann schließlich im Frühjahr 1905 aufmachen.
Beide Warenhäuser wurden ebenfalls in der neuzeitlichen Eisenskelettbauweise errichtet, dann aber mit Gelb (Schmoller) und Rotsandstein (Wronker) verkleidet, um sich der Umgebung anzupassen. Die alsbald fälligen Erweiterungen brachten weitere sehenswerte Veränderungen. Und das Warenhaus Kander schuf sich mit zwei Filialen in der Neckarstadt und der Schwetzingerstadt gute Positionen im Mannheimer Konkurrenzkampf.
Die weitere Zukunft war jedoch für die Warenhäuser nicht mehr so erfolgreich. In der Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg mußten Plünderungen hingenommen werden. Vor allem aber die gegen die jüdischen Warenhäuser und ihre Inhaber gerichtete Politik der Nationalsozialisten versetzte ihnen im Zusammenwirken mit den Bomben des Zweiten Weltkrieges den Todesstoß.
Schnell faßten nach Kriegsende neue Kaufhäuser, die das Erbe der klassischen Warenhäuser antraten, wieder Fuß in der Quadratestadt und entstanden an alter Stelle wieder neu. In punkto Baustile aber konnten und können die zeitgenössischen Einkaufstempel nicht mehr mithalten. Zusammen mit den alten Warenhäusern ging ein gutes Stück Mannheimer Stadtgeschichte zu Ende.
Autor: unbekannt

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