Kurpfalz Regional Archiv

Geschichte(n) und Brauchtum aus der (Kur-)Pfalz

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Mauern, in denen sich Weltgeschichte ereignete

24.06.90 (Städte & Gemeinden)

Ein Blick in die Geschichte von Speyer
Vor allem dem Besucher, der sich von der badischen, der gegenüberliegenden Rheinseite der Stadt Speyer nähert, bietet sich ein grandioser Anblick: Schon von Ferne taucht der mächtige Kaiserdom am Horizont auf, längst bevor sonst etwas von der Stadt zu sehen ist. Im elften Jahrhundert, bis zum Bau der großen Abteikirche von Cluny, war dieser Dom das größte Gotteshaus der Christenheit. In seiner Krypta ruhen acht deutsche Kaiser und Könige. 1990 feierte Speyer sein 2.000-jähriges Bestehen. Die Geschichte der Stadt ist eng mit der fast 1.000-jährigen Geschichte des Doms verbunden  und der Dom ist auch heute noch das Herz der Stadt. Aber ein Blick in die Geschichte zeigt, daß Speyer mehr ist als der Dom und schon gar nicht der Ausspruch mancher Spötter gilt: „Wenn Speyer nicht die toten Kaiser hätte, dann wäre kein Leben in der Stadt.“
Um das Jahr 10 vor Christi Geburt haben römische Soldaten auf keltischem Siedlungsgebiet ein Militärlager errichtet, aus dem sich bald eine Stadt entwickelte. Aus dem antiken Noviomagus oder Nemetum  germanische Nemeter hatten sich bei dem römischen Kastell angesiedelt wurde das mittelalterliche Spira, Speyer. Nur wenig erinnert heute noch an die frühen Jahrhunderte. Die einzelnen Zeugnisse der Vergangenheit sind fast alle im historischen Museum der Pfalz  nur wenige
Schritte vom Dom entfernt  zu sehen: So eine noch mit Wein gefüllte Glaskaraffe aus dem 3. Jahrhundert und ein frührömischer „Kilometerstein“ mit dem Hinweis auf Nemetum. Im wahrsten Sinne des Wortes „anschaulich“ wurde die Frühgeschichte der Stadt, als man 1988 bei der Neugestaltung des Domvorplatzes auf die Fundamente der römischen
Siedlung stieß.
Mit den römischen Soldaten und Kaufleuten gelangte schon früh das Christentum an den Rhein, und wohl bereits im 4. Jahrhundert gab es in Speyer eine christliche Gemeinde, möglicherweise sogar schon einen Bischof. Nach den Wirren der Völkerwanderung entstanden im 6. und 7. Jahrhundert die ersten bedeutenden Kirchenbauten. Darunter auch eine
Bischofskirche, als deren Patrone Maria und Stephan genannt werden.
Ins Rampenlicht der Weltgeschichte rückte Speyer jedoch erst mit den Saliern  und deren Dombau. Mit Konrad II. kam 1024 der erste Salier auf den Kaiserthron, und so wurde deren Stammland, der Speyergau, zum Machtzentrum des Reiches. Der mächtige Dom war Ausdruck des kaiserlichen Machtanspruchs, auch gegenüber den Päpsten, mit denen die Kaiser um die Vorrangstellung kämpften.
Heinrich IV., der den Dombau 1061 vollendete, mußte von Speyer aus nur wenige Jahre später zum Bußgang nach Canossa aufbrechen, um vom Papst die Lösung des auf ihm liegenden Kirchenbanns zu erbitten. Auch als die Kaiser in geistlichen Dingen Kompetenzen an den Papst verloren und den Saliern die staufischen Kaiser folgten, Speyer behielt
große kulturelle und politische Bedeutung. Und in seinen Mauern ereignete sich Weltgeschichte. An Weihnachten 1146 rief Bernhard von Clairvaux im Dom zum zweiten Kreuzzug auf. Kaiser und Könige besuchten die Stadt, hielten hier Hof. Über fünfzigmal tagten hier Reichstage, wurden dabei für Europa wichtige Entscheidungen getroffen.
So vor allem auch 1529, als die evangelischen Fürsten und Städte mit ihrer „Protestation“ für die ungehinderte Ausbreitung der reformatorischen Lehre eintraten. Mit diesem Reichstag von 1529 wurde die Spaltung der Kirche praktisch besiegelt. Seit der Jahrhundertwende [ins 20. Jahrhundert] erinnert die Gedächtniskirche an die „Protestation“ von Speyer, die
dem Protestantismus den Namen gab.
Der Besucher, der seinen Schritt vom Dom aus durch die breite Hauptstraße mit ihren liebevoll renovierten Bürgerhäusern lenkt, stößt auf das Altpörtel, das zu den wenigen Überresten der mittelalterlichen Stadtbefestigung gehört. Das Altpörtel, gewiß eines der schönsten, erhaltenen mittelalterlichen Stadttore in Deutschland, steht für die selbstbewußte freie Reichsstadt Speyer (seit 1294), die auch mit den mächtigen Bischöfen von Speyer manchen Strauß ausgefochten hat - vor
allem in der Zeit nach 1540, als Speyer die Reformation einführte.
Der Domnapf, der auf dem Domvorplatz zu sehen ist, markierte die Grenze zwischen dem Gebiet der Stadt und dem des Bischofs. Speyer, so zeigen uns alte Stiche, war eine türmereiche Stadt mit zahlreichen Klöstern und Kirchen. Viele Türme, das war immer auch ein Hinweis auf den Wohlstand einer Stadt. Mit dem Wohlstand ist es im 17. und 18. Jahrhundert vorbei. Für Speyer beginnt eine Zeit der Zerstörung und des Niedergangs. Im Dreißigjährigen Krieg sieht die Stadt die unterschiedlichsten Besatzungstruppen in ihren Mauern, und nur wenige Jahrzehnte später erlebt die Stadt im Pfälzischen Erbfolgekrieg ihre größte Katastrophe. Am Pfingstdienstag des Jahres 1689 brennen Stadt und Dom, angezündet von
Truppen des französischen Königs Ludwig XIV.
Für über ein Jahrzehnt wird Speyer zur Geisterstadt. Vom Dom bleibt nur der Ostteil erhalten. Nach einer Phase der Erholung bringt die Französische Revolution neue Bedrängnis. Der Dom wird total verwüstet, wird Lagerhalle und Pferdestall. Das Mariengnadenbild geht verloren. Es gibt sogar einen Plan, den Dom abzureißen und nur die barocke Westfassade als Triumphtor zu erhalten.
Speyer, das war über Jahrhunderte auch eine Stadt der Juden. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts entstand eine blühende jüdische Gemeinde, die bedeutendste neben Mainz und Worms. Heinrich IV. bereits gewährte den Juden Schutz und garantierte ihnen freien Handel. Jedoch schon im Jahr 1349 begann mit einem blutigen Pogrom die lange Leidensgeschichte der Speyerer Juden, die in den Gaskammern von Auschwitz und Treblinka endete. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte lediglich ein einziger überlebender jüdischer Mitbürger nach Speyer zurück. Heute erinnert nur noch das Judenbad an die lange jüdische Tradition. Ein Besuch dieses rituellen Bades  es liegt versteckt in einer kleinen Gasse, nicht weit vom Dom  sei jedem SpeyerBesucher empfohlen.
Eine neue, zumindest regionale Bedeutung erhielt Speyer, als die Pfalz nach dem Wiener Kongreß zu Bayern kam und Speyer 1816 die Hauptstadt des „Rheinkreises“ wurde. Mit der Errichtung des der Stadt zugewandten neuromanischen Westbaus erhielt der Dom in der „bayerischen Zeit“ seine heutige äußere Gestalt. Besuchern sei jedoch ans Herz gelegt, einen Gang durch den Domgarten zu unternehmen, um sich die Ostseite des Bauwerks mit der Apsis aus dem 11. Jahrhundert anzuschauen. Umfangreiche Renovierungsarbeiten in den fünfziger und sechziger Jahren im Dominnern machten die ursprüngliche romanische Raumgestaltung wieder sichtbar. Besonders sehenswert ist auch die Krypta mit den Gräbern der Kaiser und Könige.
Von der einstigen Bedeutung ist Speyer wenig geblieben. Geblieben sind aber die Zeugnisse der vergangenen Zeit, die geschichtlich bedeutsame Ereignisse belegen. Zeugnisse auch, die uns heute zur Besinnung mahnen sollten. Und geblieben ist natürlich der Dom. Auch wenn in der Ferienzeit die Mehrzahl der Besucher Touristen sind, ist doch noch immer, was er seit fast tausend Jahren immer war: Raum für Gottesdienst und Gebet.
Autor: Norbert Rönn / Konradsblatt, 24.6.1990

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