Kurpfalz Regional Archiv

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* Mit einer Kaisertafel das "Steffele" gefeiert

29.07.09 (Hockenheim)

Mit dem „Deutschen Kaiser“ wurde eine der letzten Hockenheimer Traditionsgaststätten 100 Jahre alt / Seit vier Generationen im Familienbesitz / Andrang zur „Hoggemer Kaisertafel“ in der Walldorfer Straße
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Welt in der aufstrebenden badischen Kleinstadt Hockenheim noch in Ordnung. Als größte Arbeiterwohngemeinde des Großherzogtums, aber auch dank der vielen Zigarrenfabriken, war der Ort zu gewissem Wohlstand gekommen. Begonnen hatte die Aufwärtsentwicklung bereits 1870 mit der Inbetriebnahme der Rheintalbahn. Mit der Stadterhebung durch Großherzog Friedrich I. am 22. Juli 1895 begann sich das Stadtbild entscheidend zu verändern. Als am 1. Dezember 1902 die Stadtbeleuchtung auf Gas umgestellt wurde, war die Zeit der oft unbeleuchteten Straßen endgültig vor, die Bevölkerung war nun auch verstärkt in den Abendstunden im Städtchen unterwegs. Dabei galt das Interesse nicht nur den kirchlichen Einrichtungen, sondern immer öfters wurden die Hockenheimer Gastwirtschaften zum Treffpunkt kurpfälzischer Geselligkeit. Neben den altbekannten Schildwirtshäuser und Brauereigaststätten wie der „Silbernen Kanne“, dem „Schwarzen Lamm“, der „Fortuna“, dem „Güldenen Engel“ oder der „Traube“ waren längst viele weitere Wirtshäuser in fast allen Straßen der Stadt entstanden. So traf man sich im „Grünen Baum“ genauso gerne wie in der „Pfalz“ oder „Eintracht“, im „Adler“ oder „Pflug“, im „Carl Theodor“ oder in der „Linde“. Nur in den neuen Ortsstraßen in Richtung Reilingen , wo viele Arbeiterhäuschen standen, da fehlte noch ein Gasthaus. Nach längerem Überlegen rang sich im Jahre 1909 schließlich der Hockenheimer Stefan Hoffmann zunächst gegen den Widerstand seiner Familie dazu durch, in der Walldorfer Straße ein Haus zu erwerben, um dort eine Gaststätte zu eröffnen. Pflichtbewusst und voller Nationalstolz wie man damals im wilhelminischen Zeitalter war, wurde das Wirtshaus auf den Namen „Deutscher Kaiser“ getauft – und es sollte damit eine Erfolgsgeschichte beginnen, wie sie wohl zur damaligen Zeit niemand auch nur erahnen konnte. Die familiäre Atmosphäre in der Gaststube mit dem großen Kachelofen, mehr noch aber die gereichten Speisen und Getränke ließen die Besucher immer wieder dort einkehren. Das der eigentliche Wirtshausnamen bereits nach wenigen Jahren immer mehr in den Hintergrund rückte, lag am Wirt selbst. Von kleiner und korpulenter Figur, als Hoggemer Original aber nicht „uff die Gosch“ gefallen, hatte Stefan Hoffmann bald seinen Utznamen weg: Steffele, also der kleine Steffel (regionaltypische Kurzform von Stefan). Fortan ging man also nicht mehr in den „Deutschen Kaiser“, sondern zum „Steffele“. Der Name wurde schnell zu einem Qualitätsbegriff und blieb auch in der Bevölkerung erhalten, als 1937 Stefan Hoffmanns Tochter Lina mit ihrem Mann Adolf Auer das Gasthaus übernahm. In den kommenden 30 Jahren etablierte sich das Lokal zu einem festen Bestandteil der „Alt-Hoggemer“ Gastlichkeit. Für eine Vielzahl von Vereine und Stammtische wurde das „Steffele“ zu einer festen Heimat und einem beliebten Treffpunkt. Pünktlich zur 1200-Jahrfeier übernahm mit Marianne und Adolf Auer die dritte Generation der Traditionsgaststätte. Der gelernte Metzger erweiterte die Gaststätte um eine Metzgerei mit eigener Schlachtung, so dass die Gäste über viele Jahre hinweg mit eigenen Qualitätsprodukten verwöhnt werden konnten. Als sich der beliebte Wirt 1988 das Leben nahm, war nicht nur seine Familie fassungslos. Noch jung an Jahren stellte sich Michael Auer als gelernter Koch der Verantwortung und führt seitdem in vierter Generation den „Deutschen Kaiser“. Unterstützt wird er dabei von seiner Mutter Marianne und seiner Ehefrau Manuela. Und mit der sechsjährigen Melina wächst bereits die nächste Generation in dem 1973 um einen Anbau erweiterten Gasthaus auf.
Das „Steffele“, das also überhaupt nichts mit früher angeblich zu hohen Stufen zu tun hat, über die viele Besucher vor allem spät in der Nacht gestolpert sein sollen, gehört heute zu Hockenheim wie der Wasserturm oder das Motodrom. Auch wenn es für einen Gastwirt von heute längst nicht mehr so einfach ist, ein Gasthaus durch alle Höhen und Tiefen der Zeit zu bringen, erfreut sich der „Deutsche Kaiser“ nach wie vor großer Beliebtheit. Und seit im Jahre 2006 auch ein großer Biergarten eingerichtet wurde, macht es gerade in den Sommermonaten noch viel mehr Spass, dem inzwischen 100jährigen Wirtshaus einen Besuch abzustatten. Groß war auch der Besucherandrang, als aus Anlass zu diesem besonderen Jubiläum erstmals zu einer „Hoggemer Kaisertafel“ eingeladen wurde. Der Andrang in der für den Verkehr gesperrten Walldorfer Straße war enorm, die Plätze an der über 100 Meter Langen Tafel nahezu ständig belegt. Bei sommerlichen Gerichten und kühlen Getränken feierten Stammgäste, Anwohner und zufällig vorbeikommende Neugierige gemeinsam ein großes Fest, das nicht nur vom Seemannschor der Marinekameradschaft und dem Alleinunterhalter Walter Kühnle stimmungsvoll umrahmt wurde, sondern auch auf eine Neuauflage im kommenden Jahr so richtig Appetit machte.

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