Kurpfalz Regional Archiv

Geschichte(n) und Brauchtum aus der (Kur-)Pfalz

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Raufereien waren an der Tagesordnung

17.03.02 (Arbeit & Soziales, Handel & Handwerk, Recht & Ordnung)

Die Straßen waren unsicher. Gewalt und Diebstahl hatten zugenommen. „Damit das im Lande sich häufende ruchlose Raub- und Diebsmäßige Gesindel nicht weiter überhand nehme“, ließ auch der pfälzische Kurfürst Zuchthäuser einrichten. Er beabsichtigte auf diese Weise, wie es in einem Edikt von 1747 heißt, „bessere Sicherheit und Bequemlichkeit sämtlicher Einwohner“ herzustellen. Alte Schriftstücke geben davon Zeugnis, dass die Hockenheimer der damaligen Zeit nicht weniger als der fehdelustige Adel eine ausgeprägte Streitkultur pflegten. So war zwar das Tragen von Stichwaffen verboten, aber jeder Handwerker, der etwas auf sich hielt, führte schon von Berufs wegen ein Messer am Gürtel. So berichtete der Hockenheimer Bierbrauer Heinrich Zahn seinem in Nürnberg wohnendem Onkel von “gar vielem Schlagen und Gesteche” in den Gassen seiner neuen Heimatstadt. Orte der Geselligkeit waren auch hier zugleich Orte der Gewalt und Rauferei: Wirtshäuser, Festlichkeiten, zünftische Zusammenkünfte. Bettler hofften hier auf ein Almosen, Dienstmägde und Gesellen auf Anstellung. Die Burschen lieferten sich mit den benachbarten Altersgenossen in Reilingen, Schwetzingen oder Ketsch zuweilen regelrechte Schlachten.
Kriege und Hungersnöte entwurzelten in immer kürzer werdenden Abständen die Bevölkerungsgruppen. Auch die Wechselhaftigkeit der Natur sorgte für Unsicherheit. Zwei Missernten hintereinander genügten, um die Bauern an den Rand der Existenz zu bringen.  Und im Handwerk machte sich Arbeitslosigkeit breit. Es herrschte so immer wieder bittere Armut und Hunger. Die soziale Sicherheit von heute gab es damals noch nicht. Die meisten Diebstähle waren Gelegenheitsdiebstähle: Holz, das als Brenn- und Baumaterial gebraucht wurde, Feldfrüchte, um den Hunger zu stillen, oder Wäsche, die als Aussteuer dienen sollte.
Der 21-jährige Tagelöhner Johann Garmann wurde in Hockenheim verhaftet, weil er nachts Kleidung aus dem Bleichgarten der Müllersfrau gestohlen hatte. Bereits im Jahr zuvor war er schon einmal eingesperrt. Damals hatte er mit einem Kameraden das Warenmagazin eines Handelsjuden aufgebrochen. Ihre Beute bestand aus Wachslichtern, Muskatnüssen und Besteck.
Die 57-jährige Witwe Rebecca Hoffmännin kam vor Gericht, weil sie in einem Laden eine Milchkanne entwendet hatte. Bei ihrer Vernehmung verwies sie auf die anhaltende Teuerung und ihre Armut, „indem sie schon seit vier Tagen kein Stück Brot“ zu sich genommen habe.
Während der Diebstahl unter Nachbarn damals tabu war, fielen viele Hockenheimer in den herrschaftlichen Wald ein, um Holz zu schlagen. Dabei berief man sich auf alte Rechte, was die kurfürstliche Verwaltung in Heidelberg aber nie gelten ließ. Auch bei der Wilderei prallten gegensätzliche Auffassungen aufeinander. Sah der Adel in der Jagd sein verbrieftes Herrenrecht, während die Bauern nicht verstehen konnten, warum sie zusehen sollten, wie streunendes Wild die Felder verwüstete. Außerdem waren Fleischmahlzeiten alles andere als selbstverständlich und damit eine willkommene Bereicherung des Speiseplans der einfachen Leute.
Von dieser Alltagskriminalität hoben sich die spektakulären Aktionen organisierter Banden deutlich ab. So gelang 1698 gelang der Bande des Hans Köhler ein Einbruch in das Heidelberger Michaeliskloster. Mehrere schwere Schlösser wurden aufgebrochen und ein kostbarer Schrein mit einigen hundert Edelsteinen geplündert. Einige Wochen zuvor hatte die gleiche Bande im Wormser Dom 13 Schlösser geknackt und Marienbilder, Kruzifixe und Silberkelche gestohlen. In beiden Fällen fehlte von den Tätern zunächst jede Spur. Eine Befragung der Herbergswirte brachte die Verfolger schließlich auf die Spur der Banditen. Kumpane von Köhler hatten sich nämlich in einem Walldorfer Gasthaus einquartiert und dort mit der Tat geprahlt.
Nach der Aktion im kurpfälzischen Heidelberg war Köhler nun auf der Flucht in das benachbarte Bistum Speyer. Die kurpfälzischen Landjäger, die sich an die Fersen der Räuber geheftet hatten, mussten aber an der Grenze des Territoriums bei Hockenheim haltmachen. Das eifersüchtige Hoheitsbewusstsein der Landesfürsten verhinderte eine effiziente Bekämpfung der wachsenden Kriminalität. Immerhin kam es aber bereits zur Versendung von Steckbriefen, die an die Torwachen und Grenzposten verteilt wurden. Und dies führte schließlich auch zur Verhaftung des “Köhler Hannes”, denn der Fährmann der Altlußheimer Fähre hatte in erkannt, mit seinen Knechten festgehalten  und für zwei Gulden “Fangprämie” der Obrigkeit übergeben. (og)

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