Kurpfalz Regional Archiv

Geschichte(n) und Brauchtum aus der (Kur-)Pfalz

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Sie kamen als Fremde und wurden Pfälzer

24.12.91 (Arbeit & Soziales, Handel & Handwerk, Städte & Gemeinden)

Das schönste Haus in Lambrecht ist das beispielhaft renovierte „Wallonen-Haus“. Es erinnert den Besucher daran, daß die Pfalz nicht nur ein Auswanderungs, sondern auch ein wichtiges Einwanderungsland gewesen ist. Ein Land, in dem Glaubensflüchtlinge Zuflucht und eine neue Existenz gegründet haben, aber auch ein Land, das nach dem Dreißigjährigen Krieg Ausländer gerufen hatte, um die fast menschenleer gewordene Orte wieder zu besiedeln.
Zufluchtsgebiet für Verfolgte war die einstige Kurpfalz vor allem in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Kurfürst Friedrich III., der sich für ein reformiertes Bekenntnis entschieden hatte, bot im Jahre 1562 in den Klostergebäuden von Frankenthal einer ersten, aus 58 Familien bestehenden Gruppe von Calvinisten aus den damaligen spanischen Niederlanden eine Bleibe. Die Glaubensflüchtlinge betraten am 3. Juni 1562 in Roxheim kurpfälzischen Boden. Ihr Sprecher war Petrus Dathenus. Er wurde später Hofprediger in Heidelberg. Die Siedlung, die sich nun im alten Klosterbereich entwickelte, blühte rasch auf, zumal bald weitere Niederländer und Wallonen sowie deutsche Siedler die Flüchtlingskolonie ergänzten.
Drei Gruppen von Reformierten fand man schließlich in dem sich rasch vergrößernden Ort, im späteren Stadtwappen durch ein goldenes Dreieck symbolisiert, das zur Eintracht mahnen sollte. „Gott ist unser Eckstein“ hieß das Losungswort. Die florierende Wirtschaft der Flüchtlingskolonie veranlaßte Pfalzgraf Johann Casimir, den Ort am 29. Oktober 1577 zur Stadt zu erheben  15 Jahre nach der Ankunft der ersten Glaubensflüchtlinge. Die tüchtigen Handwerker, die aus den spanischen Niederlanden nach Frankenthal gekommen waren, verschafften der jungen Stadt einen Ruf als Sitz von Tuchmachern, Webern und Seidenstickern, von Gold und Silberschmieden.
Der Adel kaufte in Frankenthal Preziosen und gab Bildteppiche in Auftrag. Als sich auch niederländische Maler in der
Stadt niederlassen, entstand die „Frankenthaler Malerschule“, von der die Kunsthistoriker sagen, daß sie die „Landschaft als Thema“ in die Malkunst eingeführt habe. Wenige Jahrzehnte nach der Ankunft der ersten Flüchtlinge in der Zeit Kurfürst Friedrichs III. galt Frankenthal als die „reichste und schönste Stadt der Kurpfalz“, eine Stadt, in der man Steinhäuser fand, nicht nur die bis dahin üblichen LehmFachwerkhäuser.
In das schon erwähnte Lambrecht kamen die ersten Flüchtlinge aus den spanischen Niederlanden im Jahre 1568. Auch sie wurden von Kurfürst Friedrich III. zunächst in Klostergebäuden untergebracht. Sie stammten im wesentlichen aus der Markgrafschaft Franchimont bei Lüttich und aus der Stadt Lüttich selbst. Die Flüchtlinge, die dem Schreckensregiment des Herzogs von Alba, dem spanischen „Generalkapitän“ in den Niederlanden, entkommen und über die Ardennen und die Eifel in die Kurpfalz gelangt waren, sprachen französisch. Ihre ursprünglich eigene, romanische Sprache, die durch einen Reichtum an Konsonaten auffiel, hatte sich im 15. Jahrhundert dem Französischen angeglichen. Als Anhänger des Theologen Franz Du Jon (Junius), der später in Heidelberg, am Casimiranum in Neustadt und schließlich im niederländischen Leyden lehrte, waren diese Wallonen von Friedrich III. aufgenommen worden. Der pfälzische Kurfürst gewährte den „niederländischen Brüdern“ in seinem Herrschaftsgebiet Asyl.
Für die Kurpfalz erwies sich die Ansiedlung der wallonischen Glaubensflüchtlinge in Lambrecht als ebenso vorteilhaft wie die Unterbringung der Niederländer in Frankenthal. In ihrer wallonischen Heimat hatten sich die Flüchtlinge hohes Ansehen als Tuchmacher erworben. Im Lambrechter Tal setzten sie diese Tradition fort, obwohl in ihrer neuen Heimat die Bedingungen dafür nicht so günstig waren  man denke an das Fehlen von Schafweiden im pfälzischen Waldgebiet  wie in der Lütticher Region.
Zähigkeit, ein starker Wille und ein großer Fleiß zeichneten die Flüchtlinge aus. Auch an Geschicklichkeit und Einfallsreichtum fehlte es nicht. Zwei Jahre nach der Ankunft in Lambrecht nutzte man bereits die vorhandene Wasserkraft für eine Walksmühle und eine Schleifmühle. Als Johann Casimir in Teilen der linksrheinischen Pfalz im Jahre 1577 das Erbe seines Vaters, Friedrich III., antrat, sicherte er der Lambrechter Kolonie in einer sogenannten „Capitulation“ einen eigenen
politischen und konfessionellen Status zu: Er gewährte den Wallonen damit also das, was wir heute „Minderheitenrechte“ nennen.
Zusammen mit den Tuchmachern in Frankenthal und Otterberg gaben sich die Lambrechter Tuchmacher am 16. August 1580 eine in 36 Artikeln niedergelegte Zunftordnung und stärkten so ihre wirtschaftliche Position. Da sie, ebenso wie die anderen in der Pfalz aufgenommenen Glaubensflüchtlinge, den hohen Qualitätsstandard beibehielten, der ihr Handwerk in den spanischen Niederlanden ausgezeichnet hatte, bestimmten sie in relativ kurzer Zeit den Markt für Tuche im
Oberrheingebiet.
Autor: Karl Moersch, erschienen am 24.12.1991 in die „Rheinpfalz“

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