Kurpfalz Regional Archiv

Geschichte(n) und Brauchtum aus der (Kur-)Pfalz

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Wie Speyer zur Bezirkshauptstadt wurde

27.05.91 (Geschichte allg., Städte & Gemeinden)

ZwackhErinnerungen an den ersten Regierungspräsidenten des bayerischen Rheinkreises, Ritter Franz Xaver von Zwackh zu Holzhausen
Dass Speyer Mitte Mai 1816 Sitz der eben konstituierten „Königlich bayerischen Landesadministration am linken Rheinufer“ werden sollte, war noch vier Wochen zuvor keineswegs endgültig entschieden: Wäre etwa Worms im Zug der territorialen Neuordnung, die nach dem ersten Pariser Friedensschluss die Grenzen zwischen Frankreich und den deutschen Ländern im wesentlichen so wieder herstellte, wie sie 1792 bestanden hatten, unter Wittelbachs Szepter gekommen, dann hätte die Nibelungenstadt wohl die größere Chance gehabt, bayrischer Verwaltungsmittelpunkt zu werden.

Immerhin war die aus vier österreichischen und bayrischen Mitgliedern gebildete „Landesadministrationskommission“ in den von Frankreich abgetretenen Gebieten zwischen Saar, Mosel und Rhein aus ihrer zunächst in Kreuznach eingerichteten Bleibe zwischenzeitlich nach Worms umgezogen. Doch der noch im April geschlossene Münchner Vertrag hatte zur Folge, dass die Stadt „an Hessen extradiert werden“ musste. So blieb dem bayrischen „Hofkommissär“ Franz Xaver Karl Wolfgang von Zwackh aus Holzhausen denn nichts anderes übrig, als „mit der Kanzlei nach Speyer zu gehen und dort vorläufige Anstalten zur Aufnahme zu treffen“.
Damit das notwendige Etablieren nicht gar zu kostspielig ausfiele und den Speyerern überteuerte Immobilienpreise versalzen würden, hatte der Verwaltungschef im Blick auf den unumgänglichen Ankauf etlicher Gebäude noch eben rechtzeitig „den Ruf ausbreiten lassen, daß der Sitz der bayerischen Regierung nach Zweibrücken kommen“ werde. Ob dieser nicht eben fromme Trick binnen so kurzer Frist weiterhalf, muss hier offen bleiben. Jedenfalls sah sich Herr von Zwackh unterwegs nach Speyer schließlich „von Stadt zu Stadt, von Gemeinde zu Gemeinde … überall mit Böllerschüssen und Glockengeläut, harangiert von Deputationen, mit großen Feierlichkeiten“, empfangen und „das Geschrei froher Menschen auf der ganzen Route von zehn Stunden“ machte nicht nur dem Ruf der Pfälzer Krischer alle Ehre, es beeindruckte gewiss auch die den Hofkommissär zu Pferd begleitenden „großen Eskorten der Beamten und Sicherheitswachen“, ja, wohl ebenso die „20 der ansehnlichsten Bürger von Worms“, die  – wie er dem König nach München berichtete – bis nach Frankenthal neben seinem Wagen mitritten und „laut beklagten, daß sie nun von Bayern getrennt wären“.
Die bajuvarischen Ankömmlinge selber trafen in der nur kleinen, damals „halb noch in Ruinen liegenden Stadt“ mit ihren knapp 6.000 Bewohnern und grob gerechnet etwa 800 Häusern alles andere als paradiesische Zustände an: „Ich habe zwar ein Absteigequartier gefunden“, meldete Zwackh dem Grafen Montgelas in einem ersten Brief am 20. Mai , doch sei die Behausung „ohne Möbels und ohne Raum zu einer Registratur für meine Akten, wodurch das uspacken erschwert wird“. Und dem Bruder in München klagte er anderntags: „Ich kann kein ordentliches wohnbares Haus bekommen, außer der König baue ein neues oder kaufe eines …“.
Dieser für den bereits Sechzigjährigen nicht gerade einfache Neubeginn war dem gebürtigen Regensburger ehedem nicht an der Wiege gesungen worden. Der von Zeitgenossen als „echte Kraftnatur“ geschilderte Oberpfälzer hatte nach dem Studium in Ingolstadt seine Beamtenlaufbahn als Kanzlist und „Lottosekretär“ noch unter Kurfürst Maximilian III. Joseph begonnen und avancierte, eben 22 Jahre jung, 1778 zum Hofrat. Die erkennbar guten Verbindungen, denen er solches rasche Vorwärtskommen wohl verdankte, gerieten ihm indes einige Zeit danach, als Kurfürst Carl Theodor aus Mannheim an die Isar gekommen war, zum Verhängnis: Die Zugehörigkeit zum aufklärerischen Illuminatenorden, einer geheimen Verbindung, kostete den inzwischen als Regierungsrat in Landshut Amtenden die Stellung, ja er wurde, vielen seiner Gesinnungsfreunde gleich, verfolgt und schließlich des Landes verwiesen. Die Hoffnung, wie der ebenfalls aus Bayern verjagte Graf Montgelas, im Dienst Herzog Karl Augustus von Zweibrücken unterzukommen, erfüllte sich nicht.
Familienbeziehungen ermöglichten dem Juristen fürs erste eine Tätigkeit als Rechtsbeistand am Reichskammergericht in Wetzlar. Von dort zog er 1788 als Lehendirektor der Fürsten von Salm-Kyrburg, Salm-Salm und der Wild- und Rheingrafen nach Kirn an der Nahe. Doch erst der Regierungsantritt des bislang länderlosen Zweibrücker Herzogs Max Joseph, der 1799 dem Kurfürsten Carl Theodor in Bayern nachfolgte, brachte für Zwackh das so lange ersehnte Ende des Exils: Einige Wochen nach der Berufung des Grafen Montgelas, des Beraters und Vertrauten Max Josephs, zum ersten Staats- und Konferenzministers Bayerns wurde der gute Freund aus Illuminatentagen zum wirklichen Geheimen Rat und Bevollmächtigten beim Reichskammergericht ernannt. Wenig später sah man ihn als Außerordentlichen Gesandten und Bevollmächtigten Minister bei den Höfen des Herzogs von Nassau und des Großherzogs von Frankfurt, Fürstprimas von Dalberg. Die alte Seilschaft hatte gehalten und bewährte sich in der Folge für den doch wieder auf die Sonnenseite des Beamten- und Diplomatendaseins gelangten Ritter, Kommandeur, ja zuletzt gar Großkreuzinhaber des Verdienstordens der Bayerischen Krone.
Aus dem diplomatischen Dienst in Frankfurt war er vom König im Juli 1814 als Vertreter Bayerns an die Spitze der gemeinsamen Verwaltungskommission nach Kreuznach und im Jahr darauf nach Worms geholt worden. Was er da leistete, fand in München nicht nur „höchste Anerkennung des Königlichen Herrn“, sondern ließ seine Berufung an die Spitze der aus den ehedem kurpfälzischen, zweibrückischen, speyerischen und vielerlei anderen ehemaligen Herrschaftsgebieten zurechtgebastelten neuen Provinz „ganz natürlich“ erscheinen, „weil ich“ – so schreibt er seinem Bruder Philipp mit gesundem Selbstverständnis – „mit Zufriedenheit des Königs , des Ministers und Feldmarschalls [Wrede] bishero verwaltet habe, weil ich Organisation entworfen, keiner in Bayern die französische Verfassung, welche bishero hier bestand und größtenteils beibehalten wird, so kennt wie ich sie praktisch gelernt habe. […] Man wünscht in München, ich möchte auch in der Folge als Präsident der Regierung in diesem Land bleiben.“
Alle so gefragte Tatkraft galt freilich fürs erste den Forderungen des Speyerer Alltags: Nachdem es gelungen war, für 25.000 Gulden das Gebäude der früheren Lichtenbergerschen Tabakfabrik zu erwerben, war ein weiterer Aufwand von 14.000 Gulden nötig, um – wie Zwackh hoffte – dort „alle Schäden beheben zu können“, denn man fand „die Zimmer ohne Dielenboden, ohne Fenster, die Stallungen in schlechtem Zustand“ vor. Auch „mangelte es am Raum“, um gegebenenfalls Besucher „zu logieren“.
Nach einem Auszug aus dem „Grundsteuer-Sektions-Verzeichnis der Mairie Speyer“ war das Anwesen der Hofkommission, also das spätere Regierungsgebäude, im Jahr 1800 „ein großes einstöckiges Haus, ein dergl. Flügelbau, ein dergl. Hinterhaus und großer Hof, sämtlich ruiniert“. Im Jahre 1811 war es zum ersten Mal wegen einer Reparatur auf knapp 109 Francs reinen Ertrag angesetzt. Durch diese Erneuerung erhielt es wohl einen zweiten Stock. So dürftig sich das auch alles anließ: Der Geburtstag König Max Josephs am 27. Mai wurde „unter der jubelnden Teilnahme der ganzen Provinz“ in der frischgebackenen pfälzischen Hauptstadt gefeiert.
„Das Fest war herrlich“, so berichtete der damals 19-jährige Leutnant Fritz von Zwackh, des Präsidenten einziger Sohn, der später als Revierförster in Bottenbach tätig war, an seinen „besten Herrn Onkel“: „Auf dem Ball waren gegen 400 Menschen, worunter 130 Frauenzimmer waren; es dauerte bis morgens 6 Uhr, am Abend war große Beleuchtung, wo wir dann herumfuhren um solche zu sehen; es waren über 20 Chaisen, welche einen langen Zug ausmachten. Die Chaise des Vaters war die erste und wurde von Gendarmes und Bürgergarde zu Pferde begleitet; so ging der Zug durch die Hauptstraßen, welche alle aufs schönste beleuchtet waren. […] Als das Fest begann und ein großes Diner veranstaltet war, kam der österreichische Präsident [von Droßdik] und überbrachte dem Vater das Kommandeurkreuz des St. Stephansordens, welches uns sehr freute …“.
Franz Xaver von Zwackh blieb für die Neuorganisation derPfalz nur noch kurze Zeit. Der vor allem von Kronprinz Ludwig betriebene und auch erreichte Sturz des Grafen Montgelas kam schon im Februar 1817 einem Systemwechsel gleich: Mit dem Minister in Müncehn, dem Schöpfer des neuen Bayern, hatte auch der vertraute Freund in Speyer seine politische Rolle ausgespielt. Am 16. August 1817 übergab er – schon einen Monat zuvor aus dem Dienst entlassen – das Amt seinem Nachfolger [und Neffen] Joseph von Stichaner. Zwackh zog nach Mannheim und behielt dort – schon der verwandtschaftlichen Beziehungen wegen – bis zu seinem Tod im November 1843 Verbindung mit der früheren Wirkungsstätte, die ihm viel zu verdanken hatte.
 
Quelle und Autor unbekannt
 
 

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