Kurpfalz Regional Archiv

Geschichte(n) und Brauchtum aus der (Kur-)Pfalz

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"Wir sind alle ruhig und stolz!"

25.11.15 (Geschichte allg., Geschichten & Erzählungen)

auswanderer1932Aus dem Tagebuch von Miriam Sondheimer
Wir haben die Auswanderung nach allen möglichen und unmöglichen Ländern betrieben. Es war fast alles Schwindel. Unsere Amerikanummer 19 823 hatte noch lange keine Aussicht, dran zu kommen. (…) Und dann kommt der 22. Oktober 1940. Wir sind noch im Bett. Nur Mutti ist auf. Es ist halb acht Uhr. Plötzlich höre ich unbekannte Männerstimmen bei uns im Flur und dann verstehe ich, was sie vorlesen: “Sie haben innerhalb einer Stunde am Bahnhof zu sein. Pro Person sind 50 Kilo Gepäck erlaubt. Verpflegung für 4 Tage.”
Dann folgt noch verschiedenes über Dinge, die mitzunehmen nicht erlaubt sind. Pro Person sind 100 RM gestattet. Sonst nur Ehering, Stahluhr und Gebrauchsgegenstände. Ich bin ganz erstarrt, springe aus dem Bett, ziehe mich in fliegender Eile an, dicke Wäsche. Lorle steht auch auf, hört und fängt zu weinen an. Dann, ich weiß gar nicht mehr richtig, stehen alle auf, die Großeltern, Papa. Ich koche Kaffee, mache alles verkehrt. Wir fangen an zu packen, warme Sachen, heißt es. Lublin? Im ganzen Haus hört man herumspringen. Unten steht ein Polizist, der niemand raus und rein läßt. Wir packen ganz durcheinander, jeder wirft in den Koffer, was er gerade findet und für recht halt. Ich mache mich an die Eßvorräte, ich packe sie in die Rucksäcke. (…)
Unsere Putzfrau kommt und hat plötzlich einen Wagen, eine Nichte zur Hand, die ihr hilft, alles Verderbliche aus unserer Wohnung zu bringen. Das darf sie nämlich. Wir haben weniger Hilfe an ihr. Das Hausmädchen von E. nimmt einen Korb frischgewaschener Wäsche, geht damit zur Tür hinaus und sagt zu dem Polizisten: ”Die gehört mir!” Sie geht auch an die Wäscheschublade und macht es genau so. Dann werden wir geholt. Ein Polizeiauto fährt vor. Je sechs steigen ein und werden am Bahnhof abgeladen. Wir kommen als letzte vom Haus dran. Wir stehen im Hauseingang und warten. Die Hausschlüssel werden abgeliefert. Ich gehe noch mal rauf und hole in einem Töpfchen die Vollmilch von Lorle. Wir trinken sie noch. Dann kommt das Auto. Wir werden namentlich verlesen und steigen ein. Wir sitzen ungefähr noch 10 Minuten vor der Türe im Wagen und müssen warten, bis das Haus versiegelt ist. Viele Leute gehen vorbei, stehen in der Nähe oder sehen zum Fenster raus. Alle gaffen, manche lachen. Manche sind ernst. Wir sind alle ruhig und stolz.
Am Bahnhof steigen wir aus und werden von Polizei und SS empfangen. In einem Raum muß das Testament gemacht werden, und Papa unterschreibt, daß die Reichsvereinigung sein Vermögensverwalter wird oder so ähnlich. Alle, fast alle unterschreiben es. Dann gehen wir zum Zug. (…) Es ist zwölf Uhr und wir hören, daß der Zug erst um sechs Uhr abgehen soll. Das große Gepäck wird in die Gepäckwagen verladen, nur Rucksäcke, Decken und kleine Koffer dürfen mitgenommen werden. Werden wir unsere Koffer wiedersehen? Man hat schon trübe Erfahrungen gemacht, z.B. bei den Stettinern, die nach Lublin gekommen sind. (…)
Alle schleppen sich ab mit Sachen, die sie in aller Eile zusammengerafft haben. Es ist ein trauriges Bild. Die ganz Alten und Kranken werden mit dem Auto von zwei Sanitätern in einem Krankenstuhl zum Zug gefahren.- (…)  Gegen 6 Uhr sind alle Leute da, man muß einsteigen. Der Zug wird rangiert. Die zwei Teile werden zusammengehängt. Es sind ungefähr 15 bis 20 Wagen voll von nun heimatlosen Menschen, die nur das Allernotwendigste haben, und das manchmal nicht. (…) Nun fahren wir. Es geht das Gerücht: Nach Frankreich, nach Belfort. O Gott, nur nicht nach Polen…
Aus dem Tagebuch von Miriam Sondheimer, in: Norbert Giovannini, Frank Moraw, Erinnertes Leben. Autobiographische Texte zur jüdischen Geschichte Heidelbergs. Heidelberg 1998, S. 253f.

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