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Zeuge der verlorenen Klosterbibliothek

16.04.14 (Forschung & Archäologie, Kirchen & Klöster)

kloster_Maulbronn_ssg-pressebildEin Buchdeckel-Fund im Kloster Maulbronn erinnert an die verlorene Klosterbibliothek
Bei den Bauarbeiten aufgetaucht: ein Buchdeckel, ein rares Fragment der seit Jahrhunderten verlorenen Klosterbibliothek von Kloster Maulbronn. Dass Maulbronn als großes Kloster eine Bibliothek hatte, weiß man. Dazu gehörten eine Schreibwerkstatt, ein Scriptorium, und eine Buchbinderei. Erhalten ist von der Bibliothek fast nichts. Einige Hintergrundinformationen zum aktuellen Fund.
Der Einband aus Holz – evtl. Fichtenholz – ist mit Leder überzogen, vermutlich Schweinsleder. Einfache Verzierungen schmücken den Deckel: Linien, die mit Streicheisen ins Leder gepresst wurden, und Buckel aus Metall. Der Einband entstand am Ende des 15. Jahrhunderts.
Er gehörte zu einem Band „Liber miraculorum ordinis cisterciensis“, der lateinische Titel übersetzt bedeutet: Das Buch der Wunder der Ordensheiligen (Mirakelbuch). Die Zuordnung ist möglich, obwohl der Buchinhalt verschwunden ist. Denn: der Buchdeckel ist mit einem Schildchen aus Pergament auf der Vorderseite des Buchdeckels beschriftet. Die Art der Beschriftung lässt sich in das 15. Jahrhundert datieren, wohl vor 1500, sicher aber in die Zeit vor der Reformation und Aufhebung des Klosters.
Auch die Verzierungen – die Streicheisenlinien – sind in Ausführung und Qualität typisch für die Zeit. Eine sichere Zuordnung zur klostereigenen Buchbinderei von Maulbronn – von deren Existenz die Forschung ausgeht – ist aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich. Im Buchdeckel verleimt hat sich ein Pergamentblatt erhalten: Es war, als der Buchdeckel gefunden wurde, als Spiegel auf der Deckelrückseite aufgezogen und diente zur Befestigung am Buchblock. Der Text auf diesem Papier gehört nicht Teil zum „Liber miraculorum“, sondern stammt wahrscheinlich aus einem makulierten Buch der Maulbronner Klosterbibliothek, also einem Buch, das nicht mehr gebraucht und dessen Material wiederverwertet wurde.
Die Schrift ist eine „kursivierte spätgotische Minuskel mit zahlreichen Ligaturen“, so die fachliche Einordnung. Die Buchstabenformen weisen auf das späte 14. Jahrhundert hin; damit ist das Blatt wohl bis zu 100 Jahre älter als die Schrift auf dem Titelschild des Buchdeckels. Die Gestaltung des Textes und die Markierung der einzelnen Absätze durch rubrizierte Buchstaben machen einen professionellen Schreiber wahrscheinlich.
Textinhalt: Ein erster Eindruck deutet auf einen nicht-liturgischen Text. Die wissenschaftlichen Bearbeiter Prof. Rückert und Prof. Traub werden, nach der Reinigung, den Text transskribieren und identifizieren. Da der Inhalt nicht liturgisch ist und da diese Art von Texten nicht unbedingt zur Standard-Ausstattung eines Zisterzienser-Klosters gehörte, wird das Pergamentblatt wahrscheinlich einen interessanten Hinweis auf den Bestand der verlorenen Maulbronner Bibliotheksbestand. Die nicht-liturgische Literatur macht unter den ca. 20 erhaltenen Handschriften, die derzeit sicher der Maulbronner Bibliothek zugeschrieben werden können, nur einen kleinen Teil aus.
Ob Buchdeckel und Pergamentblatt in Maulbronn angefertigt wurden, ist angesichts der wenigen Maulbronner Vergleichsbeispiele schwierig zu sagen. Ein Schriftenvergleich mit erhaltenen Maulbronner Urkunden des 14. Jahrhunderts wird hier Klarheit für das Pergamentblatt liefern können. Prof. Traub konnte eine Graduale-Handschrift (heute in der Württembergischen Landesbibliothek) dem Maulbronner Skriptorium und der Bibliothek zuschreiben. Ob sich möglicherweise das Buch erhalten hat, das einst vom Buchdeckel geschützt wurde, ist zu erforschen.
www.kloster-maulbronn.de

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