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Die Rennstadt Hockenheim in einer Darstellung von 1933

19.05.33 (Städte & Gemeinden)

Der Name Hockenheim war vor Jahren den meisten eine unbekannte
Größe. Es hieß schon viel, wenn man wußte, daß dieses Städtchen
in der Rheinebene an der Eisenbahnstrecke
MannheimSchwetzingenKarlsruhe lag. Ab und zu erzählten sich
auch die Autofahrer von den sprichwörtlich schlechten Straßen,
die dort anzutreffen sind.

Das alles ist sozusagen über Nacht anders geworden. Der Name
Hockenheim hat einen bedeutenden Klang bekommen und das Negative
hat sich in Positives verwandelt. Man weiß heute allgemein, daß
die Stadt Hockenheim in Unterbaden eine der aufstrebendsten und
ehrgeizigsten Stadtgemeinden ist, die an Propagandatüchtigkeit
dem benachbarten Schwetzingen in nichts nachsteht. Wie kein
zweiter Ort hat es verstanden, aus seiner nicht gerade
begünstigten Lage Kapital zu schlagen.

In der Zeit der schwersten wirtschaftlichen Krise hat es sich
emporgerungen und einen Optimismus an den Tag gelegt, der auf
einer gesunden, von mustergültiger Finanzwirtschaft getragenen
Spekulation ruhte und den Beweis lieferte, daß Tüchtigkeit und
Initiative auch über das Trotzdem der schlechten Zeiten Herr
werden können. Die große, bereits bei dem internationalen
Motorradsport eingeführte Dreiecksbahn ist der letzte und
bekannteste Trumpf, den Hockenheim ausspielte.

Aber diese ihm heute bereits von vielen Städten beneidete
Rennbahn wurde ihm nicht geschenkt, sondern es hat sie in einem
langen Kampf gegen Vorurteile, Behörden und Rivalen erkämpft. Sie
war eine eigene Idee, von Hockenheimer Sportleuten angeregt und
von der Stadtverwaltung Hockenheim sofort aufgenommen und
fruchtbar gemacht. Die gute Finanzlage der Stadt war die
Voraussetzung, daß man an ein solches, immerhin gewagtes Projekt
denken und an seine Ausführung gehen konnte.

Über 80.000 RM wurden im ersten Jahr für den Bau und die ersten
Anlagen der Rennbahn verwirtschaftet, sodaß sich denken läßt, mit
welcher Spannung man den Ausgang des ersten Rennens im Vorjahr
abwartete. Daß das Rennen mit einem Massenbesuch von 50.000
Menschen glänzend absolviert wurde, und für Hockenheim einen
Ehren und Ruhmestag in seiner Entwicklung brachte, verlieh der
Stadt nur neue Schwungkraft und Aktivität und lenkte plötzlich
die Aufmerksamkeit der gesamten Sport und Verkehrswelt auf den
sich vorbringenden Neuling.

Und heute (gemeint ist 1933) sucht man mit größtem Interesse
seine Karriere zu begreifen. Es ist nicht so, daß Hockenheim die
Jahre hindurch einen Dornröschenschlaf gehalten hat und nun wie
im Märchen aufgewacht wäre. Unermüdliche Arbeit an sich selbst,
Ausnützung aller Gelegenheiten und das Schritthalten mit der Zeit
hatten das Dorf des vorigen Jahrhunderts in die Höhe gebracht und
ihm im Jahre 1895 den Stadttitel eingetragen.

Die Schwelle dieser Entwicklung sind die 70er Jahre, als die von
Mannheim kommende Tabakindustrie in dem ärmlichen Dorf ihren
Einzug hielt und in den nachfolgenden Gründungsjahren Fabrik auf
Fabrik entstehen ließ. Was der Fabrikation den Anreiz zur
Niederlassung gab, war der glückliche Umstand, daß auf der
Hockenheimer Gemarkung der Tabakbau schon seit dem
merkantilistischen Zeitalter ansässig war und Erzeugung und
Verarbeitung eine praktische Synthese bildeten.

Heute ist Hockenheim mit 16 Betrieben und über 1.150
Tabakarbeitern der führende Tabakindustrieort im Lande Baden und
seine Zigarren sind in der ganzen Welt als Markenware bekannt.
Die Krisenjahre dieser Industrie, die der Schlüssel des gesamten
Wirtschaftsleben der Stadt sind, haben im letzten Jahr an die
Widerstandskraft der Stadt die schwerste Belastungsprobe
gestellt, wozu noch die Ausrangierung eines Großteils seiner
Arbeiter aus dem Mannheimer Industriegebiet hinzukam.

Es ist erstaunlich, wie sich Hockenheim trotz der für seine Größe
enorm hohen Wohlfahrtsaufwendungen, die heute 350.000 RM
betragen, nicht nur über Wasser halten, sondern noch erhebliche
Aktiva machen kann und seinen Arbeitslosen, wo es auch nur geht,
Verdienstmöglichkeiten zu bieten versteht. So ist Hockenheim im
wahrsten Sinne des Wortes eine Arbeits und Arbeiterstadt mit
einem kraftvollen Organismus, der zukunfts und ausdehnungsfähig
ist.

Mit vor zehn Jahren noch 7.899 Einwohnern, steht es heute an der
10.000Grenze. Fleiß, Arbeit und Sparsamkeit sind die tragfähigen
Fundamente dieser Arbeiterstadt, in der es so gut wie noch keine
Villen gibt, keine Monumentalbauten mit Ausnahme der beiden
Kirchen und des Wasserturms, der Sinnbilder der einfachen und
tiefsten Bedürfnisse des Menschen. Noch lebt Hockenheim ganz in
der bäuerlichen Atmosphäre und zwischen der handgebundenen
Zigarrenindustrie und der Landwirtschaft besteht keine große
Distanz.

Das Herüber und Hinüberwechseln sind das Gegebene, was die
bäuerliche Parzellenwirtschaft leicht gestattet. Die
Parzellierung drückt sich auch in der Aufteilung der Bauflächen
und der Hausgrößen aus. Der Großteil der Stadt besteht aus
bescheidenen Straßenzügen mit kleinen, spitzgiebeligen Häusern,
die sich in langen Ketten und einheitlicher Bauweise von der
durch die Kirchen, Fabriken, öffentlichen Gebäuden und einigen
Geschäftshäusern städtisch betonten Stadtmitte in die Ebene
hineinschieben. Sie tragen einen ausgesprochenen Dorf und
Siedlungscharakter, der der Stadt einen heiteren ländlichen Zug
verleiht.

Ein Beweis, daß die Stadt nicht auf ein größeres Hinterland zu
rechnen hat, und fast ganz auf sich gestellt ist, sind im
Vergleich zu anderen Städten (Schwetzingen, Wiesloch, Bruchsal,
Bretten) die verhältnismäßig geschäftsarmen Straßen: ein
ausgeprägtes Ladenleben ist nur in der Karlsruher, oberen und
unteren Hauptstraße formuliert. So hat sich der Handwerker und
Gewerbestand nicht übertrieben entwickelt und hat sich seine
Stellung als Mittel und Zwischenstand von Arbeiter und
Bauernschaft erhalten können.

Heute, wo man die Wiedergenesung Deutschlands in der
Landwirtschaft sucht, kann man in Hockenheim erfreulich
feststellen, daß das Land und die Scholle in dieser Stadt einen
großen Nährraum ausfüllen. Außer dem Tabakbau, der jährlich
nahezu 3.000 Zentner Tabak liefert, steht der Spargelbau, der im
Wasserturm, dem Hockenheimer Riesenspargel, die Reklame hat, in
großer Blüte und hat sich auf den Großmärkten durch seine
Qualitätserzeugnisse einen Namen geschaffen.

Wenn auch der Boden der Hockenheimer Gemarkung meistenteils aus
Sand besteht, und die Natur ihm wenig Reize verliehen hat,
Hockenheim versteht es aus dem FF, aus diesem Sand Gold zu sieben
und sich selbst seines Glückes Schmied zu sein.

Aus: Konrad Litterer, Lokale Nachrichten, 19.5.1933

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