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"Ich musste unbedingt mal raus"

21.03.06 (Reilingen)

Der Rostocker Klaus Müller war Vorbild für den Paul Gompitz aus dem Roman „Der Spaziergang nach Syrakus“ von F.C. Delius / Vergnügliches Kulturcafé in der Schiller-Aula

Als das „Abenteuer meines Lebens“ bezeichnet der frühere DDR-Bürger Klaus Müller seine Italienreise zu einer Zeit, als die Mauer noch stand. Die Erlebnisse des von Rostock nach Syrakus auf Sizilien reisenden gebürtigen Sachsen dienten dem Schriftsteller F.C. Delius als Vorlage für seinen Roman „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“, der seit Wochen im Mittelpunkt der Aktion „1 Buch im Dreieck“ steht. „Delius hat meine Italienreise völlig wahrheitsgetreu wiedergegeben“, bestätigte Klaus Müller bei seinem Besuch in Reilingen, wohin er auf Einladung der Gemeindeverwaltung gekommen war. Delius habe seine Sehnsüchte und Triebkräfte gut nachvollziehen können, so der (Über-)Lebenskünstler weiter.
Kennen gelernt haben sich der Schriftsteller und der „Teilzeit-DDR-Flüchtling“ (Müller kehrte nach seiner spektakulären Reise wieder in die DDR zurück) durch einen Zeitungsartikel. Delius war zu Besuch in Rostock und las über den Grenzdurchbruch und die Reise nach Syrakus. Ein neuer Roman entstand und aus dem Anti-Helden Müller wurde Paul Gompitz.
„Warum haben Sie das Buch nicht selbst geschrieben?“, wollte eine Besucherin des ersten Kulturcafés in der Aula der Friedrich-von-Schiller-Schule wissen. Dafür gebe es mehrere Gründe, so der Rostocker augenzwinkend: So sei Klaus Müller ein „Sammelbegriff“, aber Delius ein Name. Der bekannte Schriftsteller habe außerdem in dem Roman seine Briefe, die er aus Syrakus geschrieben habe, wortgetreu veröffentlicht. Das genüge ihm, meinte Müller. Er selbst habe schon einige maritime Sachbücher geschrieben. Aber eigentlich bezeichne er sich als Teilzeit-Philosoph – nicht nur wegen seines abgebrochenen Studiums der Philosophie.
Schon früh sei in ihm eine große Sehnsucht nach Italien entstanden, berichtete der 65-Jährige. Den Entschluss zu dieser spektakulären Reise fasste er dann mit 40 Jahren. „Ich musste unbedingt mal raus – selbst wenn es das Leben kostet.“ Von Anfang an stand für ihn aber fest, dass er nach seiner Italienreise wieder in die DDR zurück wollte. So sei der schwierigste Teil seiner Reise eigentlich gewesen, wieder hineinzukommen.
Er spekulierte darauf, dass ihm dort nach seiner Rückkehr nichts passieren würde, da es für die Stasi und ihren hohen Standard im Sicherheitssystem eine Blamage gewesen wäre, wenn sie hätte zugeben müssen, dass einer ihrer Bürger ein Schlupfloch gefunden habe. Er sollte Recht behalten.
Ob seine Lebensgefährtin wirklich nichts von den Vorbereitungen zu der „Flucht“ gemerkt habe, bezog sich eine Frage aus dem Publikum auf die sehr breite Darstellung dieses Themas im Roman. Die Antwort war einfach und verblüffend zugleich: „Delius hat gesagt, wenn sich das Buch verkaufen soll, dann muss eine Beziehungskiste dabei sein.“
Den erfolgreichen Start des Kulturcafés in der Schiller-Aula hatte die Initiatorin Andrea Ballreich aber nicht nur dem Gast aus Rostock zu verdanken, sondern auch vielen engagierten Kräften aus der Spargelgemeinde. Die Buch-Aktion in der Metropolregion hatten sie zum Anlass genommen, das kulturelle Angebot in Reilingen um eine weitere Nuance zu verfeinern. Bürgermeister Walter Klein lobte das produktive Zusammenwirken und dankte nicht nur seiner Mitarbeiterin Andrea Ballreich für die Organisation der Veranstaltung, sondern auch Sabine Petzold (Moderation) und Otmar A. Geiger, der in einer Gesprächsrunde mit Klaus Müller und Rosi Brettschneider als Reilinger Zeitzeugin das Spannungsverhältnis zwischen Ost und West vor dem Mauerfall zu beleuchten versuchte. Originell und passend zum Thema die Choreografie der TanzPlus-Formation, deren Tanzmeisterin Gabi Feth-Biedermann auch gemeinsam mit Petra Brandenburger einige Passagen aus dem Roman näher vorstellte. Und dass das Kulturcafé auch wirklich durch frischen Kaffeeduft und leckeren Kuchen zu einem Erlebnis für alle Sinne wurde, war dem Förderverein der Schillerschule, aber auch der maritimen Dekoration der Aula durch Mercedes Askani, zu verdanken.
Alles in allem ein erfolgreicher Start des Reilinger Kulturcafés in einem der schönsten Reilinger Wintergärten, der Schiller-Aula. Auf die kommenden Veranstaltungen darf man gespannt sein.

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