Kurpfalz Regional Archiv

Geschichte(n) und Brauchtum aus der (Kur-)Pfalz

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Im Rittersaal bogen sich die Bretter

24.12.02 (Brauchtum & Tradition)

Weihnachten am kurfürstlichen Hof in Mannheim / Festtagsglanz mit ausufernden Begleiterscheinungen
Alle Jahre wieder kommt dieser heimtückische Gemüts-Erreger, mit dem selig machenden Christkind schleicht er sich ein, und Liselotte von der Pfalz leidet im fernen Paris als Herzogin von Orleans unter dem weihnachtlichen Heimweh-Schub: Ja in der kurpfälzischen Heimat, da richtete man zum Fest Tische wie kleine Altäre her, schreibt sie sehnsüchtig 1660, und erinnert an den frühen Lichterglanz, der ihre Kindheit erhellte: Auf diese Tische stellte man Buchsbäume und befestigte an jedem Zweiglein ein Kerzchen; „das sieht allerliebst aus und ich möchte es noch heutzutage gerne sehen. . .“

„Alleinnachten“ im welschen Land, da hat die gute Seele noch 48 Jahre später keine Ruhe, 1708 fließen ihr wieder immergrüne Erinnerungen aus der Feder und die Kurfürstentochter will neueste Kunde aus der fernen Heimat: „Ich weiß recht gut was St. Nikolaus in Deutschland bedeutet, aber ich weiß nicht, ob Ihr ein anderes Spiel habt, das jetzt noch in Deutschland üblich ist; man nennt es Christkindel. . .“ Stich-Tage also schon für die barocke Herzdame Liselotte und mehr als das: Auch als höfischer Glanzpunkt mit kommerzieller Ausstrahlung hat Weihnachten damals schon einen hohen Stellenwert, der sich dann unter Kurfürst Carl Theodor in der Folgezeit zum gewaltigen Full-Time-Programm steigert. Weihnachten in Mannheim unter absolutistischer Gnadensonne im Jahre 1766: Der Chur-Pfälzische Hof-Staatskalender schreibt jedes Schrittchen vor.
Am 24. Dezember, also am Vorabend von Weihnachten, „verfügt sich sämtliche hohe Herrschaft abends gegen halber 11 Uhr nach dero Oratorium der Christmette beyzuwohnen.“ Während des Hochamtes in der Jesuitenkirche steuert das ganze Kirchenschiff von aufwallenden Orgelklängen getragen um Mitternacht dem Höhepunkt zu. Bis dann beim Gloria in Excelsis und beim letzten Heiligen Segen „die Canonen von den Wällen gelöst“ werden, die Böllerschüsse zur Ankunft des Herren donnern in die Stille Nacht hinein.
Die Christtage sind mehr als reine Innerlichkeit mit religiöser Tiefenschärfe, vor Gott und der Welt muss auch tiefe Frömmigkeit demonstriert, müssen Metten am Tag und zur Nacht zelebriert werden: Auch Carl Theodor als katholischer Herrscher eines zu 70 Prozent protestantischen Landes und seine Entourage werden von den geistlichen Würdenträgern ganz schön ins Gebet genommen. Stundenlang setzt sich so die Gläubigkeit in der Kirche fest, der ganze Hofstaat ist mit aller Strenge an den Ritus gebunden, und im Angesicht des Höheren zählen niedere menschliche Bedürfnisse wenig: Austreten? Um Himmels willen bloß nicht!
Da lässt sich Madame schon eher ganz diskret ihr Bourdaloue reichen, jenes einer Sauciere ähnliche Porzellangefäß, in das man ganz manierlich unterm aufgebauschten Rock sein kleines Geschäft verrichten kann. Das zierliche Tag-Töpfchen verdankt einem Jesuiten seinen eleganten Namen: Louis Bourdaloue, ab 1669 Hofprediger Ludwigs XIV., machte sich durch seine endlosen volkstümlichen Kanzelreden unsterblich, eine Fangemeinde hing stets an seinen Lippen und um ja kein Sterbenswörtchen zu versäumen, griffen seine Anbeterinnen zum Notbehelf.
Auf die ausufernden geistlichen Übungen folgen weihnachtliche Ess-Exzesse als Fest der Sinne: Im Rittersaal hat die Dienerschaft Holzböcke in Stellung gebracht, glatt gehobelte Bretter werden draufgelegt, und feinstes Linnen verhüllt schamhaft die groben Tische. Das Auge isst mit: In edelsten Terrinen aus der Frankenthaler Manufaktur werden Schlag auf Schlag bis zu 16 Gänge serviert.
Als Symbol des geschlossenen Lebenskreises, auch als Zeichen der Dreifaltigkeit kommen Köstlichkeiten aus der Luft, von der Erde und aus dem Wasser traditionell zum Christfest auf die Teller: Mit der Gans will der Genießer auch deren Tugenden Geselligkeit, Reinlichkeit, Wachsamkeit und Schamhaftigkeit verinnerlichen. Vom Hasen, dem wendigen Erdentier, weiß man, dass er bei der Jagd mit dem Teufel das Ei mit dem Lebenswasser verlor, und hat ihn deshalb zum Fressen gern. Und der köstliche Karpfen schwimmt in jenen Wassern, die Erneuerung und Fruchtbarkeit verheißen. Das Weibchen trägt Millionen von Eiern in seinem Bauch, und deshalb steht der Rogner hoch im Kurs, verheißt er doch Reichtum und Potenz. Und er zergeht auf der Zunge, ein besonders wichtiges kulinarisches Kriterium in jener zahnlosen Zeit, als die Dentistenkunst noch keine Brücken für die harten Brocken baut.
Bei Kurfürstens wird denn auch vornehmlich Breiiges serviert, ob Kalbshaschee oder Hasenpfeffer: kurz und klein schmeckt fein. Und wenn Serenissimus mal keinen Biss hat, einen Gang verschmäht, dann musste die ganze Tischgesellschaft mitziehen. Das Gericht wird sofort abgetragen, die Tafel aufgehoben. Und weiter geht’s im Zermoniell mit Vesper, Souper, Konzert oder Oper – Weihnachtsstress mit Krönchen. (räu)
Quelle: Mannheimer Morgen, 24.12.2002

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