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Wie einst sich um Pilger und Wallfahrer kümmern

21.03.10 (Reilingen)

Erste große Pilgergruppe in Reilingen begrüßt / Kolpingfamilien aus dem Bezirk Wiesloch zu Gast / Station an der Burg Wersau und Andacht in der Wendelinskirche / Erstmals Pilgerstempel ausgegeben
Reilingen.- In den letzten Jahren hat die Pilgerschaft zum Grab des Apostels Jakobus des Älteren im spanischen Santiago de Compostela einen ungeahnten Auftrieb erhalten. In ganz Europa sind viele alte und historisch bedeutsame Pilgerwege wieder neu entstanden. Einer der letzten Lückenschlüsse in Baden-Württemberg ist der Jakobsweg von Rothenburg ob der Tauber nach Speyer. Gerade für Reilingen ist diese Entwicklung von besonderer Bedeutung, denn die Gemeinde kann auf eine Jahrhunderte alte und bedeutende Wallfahrtstradition zurückblicken. Die einst im Bereich der Burg Wersau stehende Wendelinskapelle brachte bereits im Mittelalter viele Pilger in das kleine Dörfchen an der unteren Kraich. Im Jahre 1451 wurde sogar eine Wendelinusbruderschaft zur Betreuung der Fernpilger in einem Gutleutehaus (übrigens das einzige dieser Art zwischen Mosbach und Speyer) gegründet.
Als bekannt wurde, dass jetzt auch einer der wichtigsten historischen Pilgerwege, nämlich die Strecke von Krakau über Prag, Nürnberg und Rothenburg nach Speyer, wieder durchgehend begehbar ist, ist das Interesse an diesem Jakobsweg riesengroß. Bereits im letzten Herbst kamen die ersten Pilger und Wanderer durch Reilingen, darunter sogar einige mit Pferden oder Esel. Am letzten Samstag erreichte nun die erste große Pilgergruppe Reilingen, was natürlich für Neugierde und Verwunderung in der Spargelgemeinde sorgte. Über 200 Frauen, Männer und Kinder aus den Kolpingfamilien des Bezirks Wiesloch kamen ganz in der Tradition früherer Pilgerzüge mit vielen Fahnen, Banner und Pilgerkreuzen von Rot über St. Leon kommend in Richtung Burg Wersau gezogen, um hier (wie früher schon üblich) eine Station einzulegen. Am Wegkreuz bei der Schlossmühle, das auch an die frühere Wendelinskapelle erinnern soll, wurde mit Gebetstexten und Liedern an die verschiedenen Anliegen der Pilger gedacht. Ganz in der Manier der früher auf der Burg Wersau eingesetzten Pilgerwächter, die entlang der Pilgerwege für eine sichere Reise sorgten, begrüßte Burgvogt Otmar Geiger von den „Freunden Reilinger Geschichte“ die große Besucherschar. Kurz die Reilinger Burgen- und Wallfahrtsgeschichte vorstellend, erinnerte der Heimatforscher an die Bedeutung von „Rutlingen“ als wichtiges Pilgerziel.
Zum Klang der Glocken der Pfarrkirche St. Wendelin ging es dann weiter bis zum weithin sichtbaren Gotteshaus, wo die Pilgerschaft der Kolpingfamilien mit einer stimmungsvollen Abschlussandacht ausklang. Dabei stellte Pilgerpfarrer und Kolping-Bezirkspräses Manfred Tschacher (Mühlhausen) in seiner Ansprache fest, dass der Jakobsweg letztendlich ein Sinnbild der Lebensreise sei, auf der die Menschen zu sich selbst und zu Gott unterwegs seien. Nach Adoph Kolping sei der Mensch ein Erdenpilger, der sein Ziel nur in Gott finden könne. Die Pilgerschaft auf dem Jakobsweg nach Reilingen habe allen Teilnehmern verdeutlicht, dass man das erstrebte Ziel aber nur erreichen könne, „wenn wir uns selbst vergessen und los lassen“.
Eine besondere Freude war es für Bürgermeister Walter Klein, die erste große Pilgergruppe in der Spargelgemeinde begrüßen zu können. Noch sei es für viele Reilinger ungewohnt, im Dorf auf Jakobspilger zu treffen. Dies werde sich aber bald ändern, denn bereits für die kommenden Wochen und Monate hätten sich weitere Pilgergruppen angesagt. „Wir freuen uns auf interessante Begegnungen und werden uns ganz im Stil unserer Vorfahren auch jetzt wieder um die Pilger und Wallfahrer kümmern.“ Und so war es nicht verwunderlich, dass man dann genau dort wieder einkehrte, wo bereits vor 500 und mehr Jahren die Jakobs- und Wendelinspilger mit Speis und Trank versorgt wurden. Andrea Evans, die Wirtin vom historischen Wirtshaus „Zum Löwen“ hatte traditionelle Pilgerspeisen zubereitet, die drinnen im heutigen Dorfgemeinschaftshaus und im idyllischen Hof von der großen Menschenschar eingenommen wurden. Am Ende der Pilgerschaft zeigten sich alle von der Gastfreundschaft in Reilingen begeistert. Freute herrschte auch darüber, als erste Gruppe den neuen Reilinger Pilgerstempel bekommen zu haben. Zugleich ein Beweis im Pilgerbuch, einen wichtigen Abschnitt des neuen, alten Jakobsweges in Richtung Speyer gegangen zu sein.

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