Kurpfalz Regional Archiv

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Selbst Goethe war vom Zauber der Alten Brücke gefangen

09.04.88 (Städte & Gemeinden)

Die herrschaftliche Pose des steinernen Kurfürsten Carl Theodor
an der Alten Brücke in Heidelberg sticht schon von der Ferne ins
Auge. Gebieterisch ragt die vorgestreckte Hand mit dem
Kommandostab hervor, kühn wirkt das leicht vorgestellte Bein,
erhaben erscheint die aufrechte Haltung. Das mit wallender
Perücke geschmückte Haupt ist würdevoll gen Brückentor und Stadt
gerichtet  so, als wolle die Statue den Heidelberger mitteilen:
„Seht, wer der Bauherr eurer Brücke ist“. Und dennoch: Die
wenigsten Bürger nennen das  neben dem Schloß und der
HeiligGeistKirche  wohl schönste Bauwerk der Stadt bei dem
Namen, der einst zu Ehren des stolzen Landesfürsten gewählt
wurde, nämlich „Carl-Theodor-Brücke“.

Einer Entschließung des Kurfürsten aus dem Jahr 1785 ist es zu
verdanken, daß sich heute dieses Bauwerk von formvollendeter
spätbarocker Schönheit über den Neckar spannt. Carl Theodor war
es, der nach der Zerstörung einer Holzbrücke im Eishochwasserjahr
1784 befahl, an der gleichen Stelle auf die „noch brauchbaren
Pfeiler an der Steingaß bis an das einseitige Bergufer eine ganz
steinerne Brücke völlig aus guten gesunden Quardern“ zu errichten
und bereitete damit den langen Diskussionen um eine Verlegung der
Brücke (oder einem erneuten Holzbau) ein Ende.

Einiges Aufsehen erregte damals die Entscheidung des
Landesfürsten, trotz der Angebote hochrangiger Fachleute einen in
untergeordneter Stellung arbeitenden Bauinspektor namens Mathias
Mayer mit dem Projekt zu beauftragen. Mayer trat den Gutachten
renommierter Sachverständiger entgegen, die behaupteten, die
alten Steinpfeiler der zerstörten Holzbrücke könnten nicht mehr
weiterverwendet werden.

Der Kurfürst schenkte den Plänen Mayers sein Vertrauen, und er
fuhr mit dieser Entscheidung mehr als gut. Mayer verwirklichte
mit dem Bau der Alten Brücke ein Kunstwerk, sagen heute die
Kunsthistoriker. Die Gliederung in Dreierrhythmen (drei
aufsteigende, drei absteigende, drei gerade Bögen) verleihen
diesem Denkmal am Endpunkt der Entwicklung des klassischen
Brückenbaus eine grazile Leichtigkeit, einen eleganten Schwung.
Von hohem Reiz ist das Erscheinungsbild der Brücke in der
Landschaft. Das Bauwerk scheint mit der Umgebung der Berge, mit
dem Neckar und der Stadt in einer Farbkomposition, ja einem
ganzen Gemälde zu verschmelzen. Und dieser Eindruck verstärkt
sich beim Blick vom Philosophenweg über das Tal.

Der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe, der vom 1781
fertiggestellten Karlstor flußabwärts blickte, schrieb 1797 ins
Tagebuch: „Die Brücke zeigt sich von hier aus in einer Schönheit,
wie vielleicht keine Brücke der Welt. Durch die Bogen sieht man
den Neckar nach den flachen Rheingegenden fließen und über ihr
die lichtblauen Gebirge jenseits des Rheins in der Ferne. An der
rechten Seite schließt ein bewachsener Fels mit röthlichen Seiten,
der sich mit der Region der Weinberge verbindet, die Aussicht.“

Auch Gottfried Keller ließ die Schönheit der Brücke nicht
unbeeindruckt. Für den Studenten entwickelte sich die Brücke zum
Leidensweg zur Geliebten, die seine Zuneigung nicht erwiderte.
Und Clemens Brentano erzählt vom „Dialogus“ der
Brückenstandbilder Athene (Minerva) und Carl Theodor. Die Alte
Brücke hat also auch in der Literaturgeschichte ihren Platz gefunden.

Ihren festen Standort am Austritt des Neckars aus dem Odenwald
besitzt die Brücke  womit jetzt nicht die Alte Brücke, sondern
deren Urahne gemeint ist  schon im Mittelalter. Im Jahr 1284
wurde ein Bauwerk an dieser Stelle erstmals erwähnt. Heidelberg
selbst taucht in einer Urkunde des Jahres 1196 zum ersten Mal
auf. Offenbar wurde die Brücke im 13. Jahrhundert gebaut, um
einen Neckarübergang für das Zisterzienserkloster Schönau zu
schaffen.

Gleich sieben von acht Brücken, allesamt aus Holz, fielen in den
500 Jahren zwischen 1284 und 1784 dem reißenden Neckarhochwasser
zum Opfer oder wurden durch Eisgang zerstört. Lediglich die
siebte Überführung stürzte aus einem anderen Grund zusammen:
Diese Brücke, die noch den Turm mit dem legendären „Heidelberger
Affen“ am nördlichen Ufer besaß, der dem Betrachter mit dem Griff
zum Hintern einen „kurpfälzischen Gruß“ widmete, wurde 1689 im
OrléanschenPfälzischen Erbfolgekrieg vernichtet.

Die unmittelbare Vorgängerin der Alten Brücke war die
Nepomukbrücke mit der Statue des heiligen Johannes von Nepomuk.
Am 27. Februar 1784 türmten sich vor dem Bauwerk mehrere
übereinanderliegende Eisschichten. Das Hochwasser brachte
Bewegung ins Eis, und die Brücke wurde mit den Fluten
fortgerissen. Der reißende Strom überschwemmte dann die Altstadt,
sogar ein großes Schiff wurde nach alten Berichten bis zur
Hauptstraße hochgetrieben. Die Nepomukfigur konnte gerettet
werden  sie hat heute in einer Uferanlage neben der Alten Brücke
ihren Platz.

Die feierliche Aufstellung einer anderen Statue, nämlich der des
Kurfürsten Carl Theodors, steht am 9. April 1788 gewissermaßen
für die offizielle Einweihung der Alten Brücke. Der Kurfürst war
von Brücke und Statue so angetan, daß er gleich empfahl, auf der
anderen Seite ein Gegenbildnis zu setzen. Es folgte so 1790 die
Aufstellung der Minerva, die als Göttin der Weisheit und
unzähliger Künste gilt. Beide Standbilder wurden vom
kurpfälzischen Hofbildhauer Conrad Linck geschaffen.

Im 18. und 19. Jahrhundert drohte der Alten Brücke zweimal die
Gefahr der Zerstörung: Dem Ansturm der französischen
Revolutionstruppen konnte 1799 das österreichische Ulanenregiment
Fürst Schwarzenberg aber trotzen. 1849, während der badischen
Revolution, wurde die Sprengung der Brücke durch eine Mine gerade
noch vereitelt.

Fast 100 Jahre später, am 29. März 1945, fiel ein Teil der Brücke
dann doch: Auf Befehl der Nazis wurde wenige Tage vor Kriegsende
ein großes Stück des Bauwerkes weggesprengt, um den Amerikanern
den Einzug in Heidelberg zu verwehren. Es war ein völlig
sinnloses Unternehmen, denn wenige Stunden nach der Sprengung
marschierten die Amerikaner bereits durch die Gassen der
Altstadt. Eine Spendenaktion unter der Bevölkerung ermöglichte
aber schon 1946/47 den Wiederaufbau.

Eine wichtige Rolle in der Geschichte des Bauwerkes spielt
natürlich auch das schmucke Brückentor, das viel älter als die
Alte Brücke ist. In einer Urform erscheint das doppeltürmige Tor
schon 1526 auf Sebastian Münsters kleinen Holzschnitt zum
„Calendarium Hebraicum“. Das im Gegensatz zu den Holzbrücken nie
zerstörte Tor diente nach dem Bau der Steinbrücke zeitweilig als
Gefängnis, heute gibt es dort eine Wohnung mit einem bekannten
Künstlertreff.

Die Alte Brücke ist heute ein nicht mehr wegzudenkendes Stück
Heidelberg und damit auch untrennbar mit der wechselvollen
Geschichte der Kurpfalz verbunden.

Aus: BNN, 9.4.1988, Klaus Willimek

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