Kurpfalz Regional Archiv

Geschichte(n) und Brauchtum aus der (Kur-)Pfalz

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Die größte Gußstahlglocke der Welt hängt in Neustadt

19.07.98 (Brauchtum & Tradition, Kirchen & Klöster)

Tiefe, wuchtige Töne schallen vom Turm der Stiftskirche in Neustadt herab über die ganze Stadt ins Land. Die Menschen in der Altstadt recken die Köpfe empor: Die „Kaiserglocke“ hat ihre Stimme erhoben und läutet damit ein besonderes Ereignis ein. Nicht oft ist sie zu hören, denn wenn das Gewicht von rund 350 Zentnern mit dem großen Klöppel in Schwingung gerät, hat das Gemäuer des Turmes schon einiges auszuhalten.
Die Neustadter Stiftskirche ist das Wahrzeichen der Stadt an der Weinstraße. Sie zählt zu den größten und kunstgeschichtlich wertvollsten gotischen Kirchen in der Kurpfalz. Mit ihrem Bau als Grablege der Wittelsbacher in der Pfalz bei Rhein wurde 1368 begonnen, doch erst 1592 wurde mit dem Nordturm die architektonische Form vollendet. Seit 1705 sind Kirchenschiff und Chorraum durch eine Mauer getrennt, damit Katholiken und Protestanten getrennte Gottesdienste feiern können.
Ein Charakteristikum bilden die beiden Türme: Im Nordturm mit spitzem Helm hat neben der „Kaiserglocke“ auch die „Kurfürstenglocke“ ihren Platz. Der Südturm trägt oben eine durch ein offenes Türmchen gekrönte zweigeschossige Wohnung im Barockstil, in der bis 1972 noch ein Türmer wohnte. Beim Aufstieg über die fast 200 Treppenstufen kommt man an der
Glockenstube vorbei, in der „Pfalzgraf“, „Calvin“, „Zwingli“, „Luther“ und „Ursinus“ einträchtig beieinander hängen.
Zu ganz besonderen Anlässen erklingt das volle Siebener-Geläut in sauber abgestimmter Harmonie. Vom hellen Klang der kleinen UrsinusGlocke in B bis zum tiefen Es der Kaiserglocke mischen sich die Töne – je nach Größe im raschen oder langsameren Schwung der Klöppel – zur imposanten Melodie. Was da so wohlklingend über die Dächer der Stadt tönt, läßt sich in der Glockenstube der beiden Großen nur Sekunden aushalten. Wenn die riesigen Münder ihre Zunge bewegen, wirken sie fast bedrohlich auf den kleinen Menschen, der sich unwillkürlich duckt und sich die Ohren zupreßt.
Das Geläut kam, nachdem die 1920/21 gegossenen Glocken 1942 im Krieg abgeliefert werden mußten, 1949 auf die Türme. Die Anfänge der Kaiserglocke liegen jedoch weiter zurück. Sie ist die Nachfolgerin der Glocke, die 1402 von König Ruprecht gestiftet worden war und läutete, bis sie 1794 in die Hände der Franzosen fiel. Der Transport der neuen Kaiserglocke, die mit einem Durchmesser von 3,21 Metern und einer Höhe von 2,88 Metern als größte Gußstahlglocke der Welt gilt, war 1949 ein heikles Unterfangen. Als sie glücklich im Turm hing, gab es von unten tosenden Beifall.
Das größte, schwerste und tontiefste Bronzegeläut aber hängt in der Speyerer Gedächtniskirche. Der salische Kaiserdom hat nur das drittgrößte. Die kleinste und tonhöchste Glocke der Kurpfalz findet man heute im Lutherkirchturm in Ludwigshafen. Sie wiegt nur 52 Kilo und wird damit der Forderung der Statiker für den freistehenden Turm gerecht. Größere Glocken würden ihn sonst beim Läuten zu stark bewegen.

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