Kurpfalz Regional Archiv

Geschichte(n) und Brauchtum aus der (Kur-)Pfalz

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Die Nahe – die schöne Unbekannte

10.10.13 (Kirchen & Klöster, Landschaft & Orte)

Quellen und Felsen / Land der hl. Hildegard / Nördlicher Grenzfluß der Pfalz
Die Nahe, auf kurze Strecke Grenzfluß der Pfalz, ist den meisten Deutschen eine Unbekannte geblieben; fügen wir gleich bei: eine schöne Unbekannte. Behauptet sogar ein modernes Lexikon, die Nahe „entspringe in der Nordpfalz!“ (Der Große Herder, Band 6, Spalte 879). In Wirklichkeit entspringt die Nahe im saarländischen Bergland nördlich von Tholey bei dem Dorfe Selbach. In kurzer Entfernung fließt die Prims vorbei, jenseits des Schaumberges entspringt die Blies.
Trotz dieser nahen Ursprünge zieht jede der drei Schönen ihren eigenen Lauf. Die Prims eilt nach Südwesten und stürzt sich vor den Rauchwolken der Dillinger Hütte rasch in die Saar. Die Blies wandert gemächlich nach Süden, berührt St. Wendel und Ottweiler, verwandelt sich in Neunkirchen zu einer dunklen Brühe und vereint sich nach manchem Hin und Her bei Saargemünd mit den ebenso trüben Fluten der Saar. Die Nahe aber bewahrt ihre Frische. Nach Nordost geht ihr Lauf, dem Hunsrück entlang dem Rheine zu, 112 km lang. Bei Idar-Oberstein stößt sie zum ersten Male auf die gewaltigen Felsen, die sie bis Bad Münster begleiten – und welche Felsen! Beim Disibodenberg nimmt sie in einer Landschaft voll arkadischer Schönheit den Glan auf, der auf dem Höcherberg entspringt, an Homburg, am Remigiusberg und am schönen Meisenheim vorbei zur Nahe strebt, mit der er sich an Breite und Wasserflut messen kann.
Von dort an tragen ihre Uferhänge Weinlaub und eilig strebt sie, nachdem sie bei Bad Münster am Stein noch die pfälzische Alsenz mit sich vereint hat, am Rande des Hunsrück dem Rheine zu. Bei dem sagenumwobenen Bingen, wo der Rheinstrom zwischen Fels und Burg gen Koblenz sich zwängt, vereint sie ihre klaren Wasser mit dem breiten Wasserlauf des deutschen Stromes. Die Türme der Abtei Eibingen blicken hernieder und die Bronzegestalt der „Germania“ reckt den Arm, während der Rupertsberg, wo die große Heilige des Nahegaues, Hildegard von Bingen, ihr berühmtes Kloster gründete, im Gewirr von Bingerbrück verschwunden ist.
Eine schöne Unbekannte! Doch was wäre die Nahe ohne ihre Felsen, ohne ihre herrliche Flußlandschaft, ohne ihre Geschichte? Ohne ihre mächtigen Burgruinen und ohne ihre Heilquellen? Ohne ihre freundlichen Bewohner und ohne ihre Heiligen: Hildegard und Jutta, Disibod und Rupert? Eine Fahrt zur Nahe lohnt sich, besonders dann, wenn man die Steine reden läßt und sich dem Geiste öffnet, der hier im hohen Mittelalter Menschen und Landschaft geprägt hat.
Fels und Quell im Kirchenraum
Was wäre die Nahe ohne ihre Felsen! Schon die Doppelstadt Idar-Oberstein am Oberlauf der Nahe läßt uns Gewalt und Schönheit dieser Felsen erkennen. Ganz nahe treten die mehrere hundert Meter hohen steil abfallenden Melophyrwände an den Fluß heran. Die Häuser‘ ducken sich dicht an den Berg. Hoch oben ziehen Wolken über die Ruinen der Burg Oberstein hinweg. Das Geschlecht ist 1636 ausgestorben, hat uns aber eine Sehenswürdigkeit besonderer Art hinterlassen: die Felsenkirche von Oberstein, 60 Meter über dem Fluß, in eine Einbuchtung der stürzenden Wand so kunstvoll hineingebaut, daß etwa 500 Besucher zum evangelischen Gottesdienst Platz finden. Wie sie wohl, so mitten zwischen ragender Burg und geduckten Bürgerhäusern, entstanden sein mag?
Ihr ältester Teil, die Sakristei, zeigt noch den blanken Fels. Hier, wo eine geräumige Nische im Felsensturz Raum für eine Einsiedelei und Gärtchen anbot, mag wohl im elften Jahrhundert eine Klause entstanden sein. Sie war einsam genug, um einem Einsiedler Stille und Versenkung zu bieten und dennoch nicht allzu-weit von den Menschen entfernt. Ein schmaler Steig führte hinauf zur Burg, ein steiniger Pfad hinab zur Stadt. 1482 baute die Herrschaft die Klause zur Kirche aus. Ihr herrlichster Schmuck wurde das von einem Mainzer Maler um das Jahr 1400 geschaffene Altarbild, das die Passion des Herrn in leuchtenden Farben darstellt. Es blieb auf dem Altar, auch als die Herren von Oberstein in ihrem Herrschaftsbereich die Reformation einführten. Ein Meister aus Oberstein schuf dazu aus einem einheimischen Bergkristall ein viel bewundertes Altarkreuz.
Ein besonderer Anziehungspunkt ist die Quelle, die mit kühlem, klaren Wasser aus dem Felsen tritt und ein Becken füllt. Früher tranken die Fremden aus dem kühlen Born, heute werfen sie Geldstücke hinein. Es blinkte nur so von Silber und Münzen hinter dem schützenden Gitter. Welch merkwürdiger Brauch lebt da wieder auf, der Brauch des uralten Quellenopfers! Oder wollen die Touristen damit – wie beim Brunnen in Rom – ihrem Wunsch Ausdruck geben, wieder an diesen Ort zurückzukommen?
Was wäre eine solche Merk- und Sehenswürdigkeit wie die Felsenkirche ohne eine romantische Sage? Anknüpfend an die alten Namen Wyrich und Emicho, die in den Adelsgeschlechtern der Grafen von Dhaun, von Oberstein und Falkenstein, in den Ahnenreihen der Rauh-, Wild- und Rheingrafen uns öfters begegnen, weiß die Legende zu berichten:
Zwei Brüder von Oberstein liebten Bertha von der nahen Lichtenburg, ohne daß einer von der Neigung des anderen wußte. Wyrich, der ältere, war ein rauher Kriegsmann und jähzornig; Emich, der jüngere, von heiterem Wesen und den schönen Künsten zugetan. Bertha wandte dem Jüngeren ihre Huld zu und verlobte sich mit ihm, während Wyrich bei Freunden auf Burg Sponheim weilte. Als er zurück kam und Emich ihm überglücklich seine Verlobung mit Bertha mitteilte, warf er ihn in unbeherrschtem Zorn aus dem Burgfenster in den Abgrund. Bertha starb vor Gram. Wyrich suchte, von seinem Gewissen umhergetrieben, umsonst den Tod in der Schlacht. Endlich beichtete er seine Untat und erhielt als Buße den Auftrag, an der Stelle, wo man den Leichnam des Bruders gefunden, eine Kapelle mit eigenen Händen zu bauen. Als sie vollendet war, entsprang zum Zeichen der Versöhnung die Quelle aus dem Felsen. Die Kapelle wurde geweiht, viel Volk drängte hinzu: vor seinen Augen entschlief der Büßer.
„Den meisten Reiz und Schauer“
Vor 125 Jahren schrieb der Geschichtsforscher der pfälzischen Burgen und Bergschlösser be. der Beschreibung der Ebernburg die Sätze: „Das Alsenz-Tal aufwärts winkt uns die Altenbaumburg entgegen, an deren Fuß sich die Alsenz hinschlängelt und sich unterhalb der Ebernburg in die Nahe ergießt, die das anderseitige Tal in großen Windungen durchzieht. Aus letzterer starren rechts groteske Felsensäulen empor, auf denen der gewaltig schaffende kühne Geist vergangener Jahrhunderte einen Herrschersitz, den Rheingrafenstein hingezaubert hatte.
Allein der hauptsächlichste Gegenstand, welcher dieser großartigen Naturszene den meisten Reiz und Schauer verleiht, ist eine aus der Nahe senkrecht aufsteigende, rötliche und breite, über 900 Fuß hohe Felsenwand, der Rotenfels geheißen.“ Was der Geschichtsschreiber in holprigem Deutsch niederschrieb, finden wir in einem der neuesten Reiseberichte in modernem Stil ausgedrückt: „Bei Bad Münster am Stein treten dem Reisenden die Felsen furios entgegen.
Selbst wer viel herumgekommen ist, wird eingestehen müssen, daß hier einer der allerschönsten Punkte Deutschlands ist. Wie da der Rheingrafenstein, der nackte, nur an seinem Fuß umbuschte Fels senkrecht zu beträchtlicher Höhe aus dem Wasser steigt, das ganz langsam an ihm vorbeifließt, wie sich die Schatten und Sonnenspiegel dazwischen mischen, das ist wie aus einem Traum. Der „Stein“ ist die Urgestalt eines Felsens, seine Idee. Kühner und entschiedener kann sich keiner vom Lotrechten absetzen, keiner entzieht sich so wie er allen vergleichbaren Bildern. … Und gegenüber der Rotenfels, Deutschlands steilste Wand außerhalb der Alpen. Doch wird man die Kraft und Erhabenheit dieser“ Porphyrwand erst ganz gewahr, wenn man sich, weiter westwärts, unmittelbar darunter aufhält. Daß dergleichen hier, mitten aus friedlichem Rebengehügel emporsteigt, ist atemberaubend.“ (Wilma Sturm)
Der Rheingrafenstein ist 220 m hoch, aber was will das hier besagen? Ich fand einen schmalen Pfad zwischen Fluß und Stein; immer wieder ging mein Blick aufwärts, über die Schründe und Narben, die ihm die Jahrtausende einritzten, aber was ist das schon hier? Der Stein bleibt sich treu: hart, herrisch und unnahbar, die Ruine ist ihm nur aufgesetzt wie eine fremde Kappe. Ganz großartig aber wirken Rheingrafenstein, Rotenfels und der dritte im Bund, „Die Gans“ (322 m hoch), wenn die Abendsonne die Porphyrfelsen in purpurrote Beleuchtung taucht und ihr Glanz sich in den Wassern der Nahe bricht! Auch von oben zeigt sich das Tal von seiner besten Seite. „Der Blick vom Rheingrafenstein“, so lesen wir im Pfalzführer, „ist über die Alltäglichkeit weit erhaben – ein so mannigfach gestaltetes Landschaftsbild im Rahmen von burggekrönten Rebhügeln mit einem Blick vom Stein zu überschauen, dürfte an einem andern Ort in Deutschland kaum geboten werden.“ Genug des Lobes – auch hier gibt es Ruinen, die von Krieg, Streit und Leid Zeugnis geben.
Rauhes Land – rauhe Herren
Das Land an der oberen Nahe ist eine rauhe Gegend mit viel Wild in den heute noch schwer zugänglichen Forsten des Soon- und Idarwaldes. Dennoch lockten die „Steine“ zur Anlage von Burgen, schwer ersteigbaren Adlerhorsten auf schwindelerregendem Fels. Was Hunsrück und Soon an Frucht und Wein versagten, boten die Täler um so bereitwilliger an, die Talbecken bei Kirn, die Fruchtäcker am Glan, die Rebenhügel bei Waldböckelheim und Langenlonsheim, die Terrassen unterhalb der Ebernburg. Kein Wunder, daß sich die edlen Geschlechter hier gerne niederließen und ihre Schlösser noch heute Merkzeichen der Landschaft und Mahnmale der Geschichte sind. Nur einige seien hier genannt!
Von den Königsgrafen der Karolingerzeit im Nahegau stammen die Rauh- und Wildgrafen ab, die mit den Rheingrafen später in enge Verbindung traten. Stammschloß der Rauhgrafen wurde die Alte Baumburg auf pfälzischem Gebiet, wo die wundersame Sage von den zwei Lilien erblühte. Im 15. Jahrhundert heiratete einer der Grafen die reiche Maria von Salm, verkaufte seine Besitzungen an Nahe und Alsenz an den Kurfürsten der Pfalz und zog für immer an den Niederrhein.
Die Wildgrafen teilten sich schon früh in zwei Zweige. Stammsitz der älteren wurde die Kirburg über dem Talbecken von Kirn; Hausveste der jüngeren Linie Schloß Dhaun am Eingang des romantischen Kellenbachtales, nur wenige Kilometer von der Kirburg entfernt. Sie behaupteten sich neben den hochberühmten Grafen von Sponheim, den Pfalzgrafen am Rhein und den Kurfürsten von Trier, starben aber im 14. Jahrhundert aus. Das Rennen um die Erbtöchter machten die Rheingrafen, die vom Rheine zur Nahe sich zurückzogen. Rheingraf Johannes I. heiratete die Erbtochter Hedwig von Dhaun, sein Enkel Johannes III. die Erbin der Kirburg Adelheid. Fortan nannten sie sich Rhein- und Wildgrafen, bewohnten Schloß Dhaun, unterhielten ein Schloß in Gaugrehweiler-Grumbach und heirateten auch ihrerseits in die reiche Familie der Salm hinein, von woher ihnen im 18. Jahrhundert Titel und Würde eines Fürsten zufloß.
Einer von ihnen, der Rheingraf Friedrich III. und Fürst von Salm, wurde durch eigene Schuld ein Opfer der Französischen Revolution und in Paris am 24. Juli 1794 öffentlich enthauptet. Er büßte sein leichtsinniges Leben mit männlichem Ernste; seine Briefe aus dem Kerker an seine Schwester Amalia, Fürstin von Hohenzollern, gehören zu den ergreifendsten Dokumenten jener Zeit. Amalie selbst gab ein einzigartiges Beispiel selbstloser Geschwisterliebe, als sie ihrem Bruder in den schwersten Wochen zur Seite stand. (Darüber im Pilgerkalender 1954 im Artikel „Der tolle Rheingraf“.)
Ihre Grablege fanden die Rhein- und Wildgrafen in dem gotischen Kirchlein „St. Johannisberg“ unweit der mächtigen Ruine des Schlosses Dhaun. Mit sicherem Blick für die Landschaft wurde es 1280 auf einer Hunsrückhöhe über der Nahe erbaut und später zum Stift erhoben. Eine Reihe hervorragender Grabsteine bilden seinen Schmuck. Sie beginnen mit „Herrn Johann Rheingraf, Wildgraf zu Dhaun“ im Jahre 1383 und enden mit dem letzten Träger dieses Namens 1750. Ein Besuch der Kirche, die weit ins Land hineingrüßt, ist sehr zu empfehlen.
Schloß Waldböckelheim
Die Ebernburg unseres tragisch-berühmten Landmannes Franz von Sickingen erwartet uns zum Abschied, aber zuvor will ich noch Schloß Waldböckerheim besteigen. Kleine Wohnhäuser, wie sie so oft in den weiten Mauern zerfallener Herrlichkeit zu finden sind, versperren uns den Weg. Über Gestrüpp,. Fels und gewaltige Mauerbrocken finden wir schließlich zur freien Aussicht. Die französischen Sprengmeister haben 1688 hier ganze Arbeit gemacht und die einstmals so wehrhafte Feste wortwörtlich in Stücke zerrissen.
Als die hl. Hildegard noch ein Kind war, wurde der alte Kaiser Heinrich IV. von seinem eigenen Sohne hier als Gefangener eingeliefert. Er verbrachte hier die Weihnachtstage 1105 als Gebannter ohne Messe und ohne Kommunion, als Gefangener ohne Bad, ohne Schere, an Bart und Haupthaar verwildert. So gebot es der harte Sinn des unbotmäßigen Sohnes. Sein Trost mag die kleine Heilige gewesen sein – das aufgehende Licht in den Finsternissen seines langen und unglücklichen Lebens. Denn kurz danach dankte Kaiser Heinrich gebrochen und gezwungen zugunsten seines Sohnes ab, ein halbes Jahr später starb er, fern von Speyer, dessen Dombau ihm Herzensanliegen war.
Auch hier bezaubert der Ausblick. Wie Wächter stehen die Berge im Umkreis, ganz in der Tiefe rauscht der Fluß und zieht dem Rheine zu. Aus der Enge in die Weite! Die Wasser der Nahe wollen die Lasten des Rheinstromes mittragen helfen.
Ganz nahe der Mündung liegt in der alten Stadtpfarrkirche der heiligmäßige Priester Bartholomäus Holzhauser begraben. In den düster sten Jahren des 30jährigen Krieges begründete er eine Erneuerungsbewegung für den zerrütteten Klerus. Sie wirkte sich außerordentlich günstig in der Schweiz, in den Bistümern Regensburg, Mainz, Augsburg und Würzburg aus. In Schriften voll visionärer Kraft wies er seinen Zeitgenossen, darin der großen Seherin ähnlich, die Wege zu einer besseren Zukunft.
Jenseits des Stromes, grüßen aus der Höhe die Türme der Benediktinerinnenabtei Eibingen. Sie führt die Tradition von Disibodenberg und Rupertsberg fort. Denn was einstmals so voll Kraft und Glanz vom Nahe-Ufer in die Welt hinausstrahlte, soll nicht untergehen, sondern fortleuchten in einem schöneren Licht.
Aus: Pilgerkalender Speyer 1956

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