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Hildegard von Bingen: Eine Frau mit einem beeindruckenden Lebenswerk

05.09.97 (Glaube & Religion, Kirchen & Klöster)

Hildegard von Bingen gilt als eine der bedeutendsten Frauen des deutschen Mittelalters und ist heute weit über die Grenzen ihrer
rheinhessischen Heimat hinaus bekannt. Ihre Zeitgenossen zog sie ebenso in ihren Bann wie die Menschen, die heute nach Sinn, Orientierung, Ganzheit und Heil suchen. Alles, Himmel und Erde, Glaube, Natur und Heilkunde, das menschliche Dasein in all seinen Facetten, war für sie ein Spiegel der göttlichen Liebe, Geschenk und Aufgabe zugleich.
Geboren wurde Hildegard 1098 in Bermersheim nahe der späteren kurpfälzischen Amtsstadt Alzey als zehntes und letztes Kind des begüterten und einflußreichen Edelfreien Hildebert und seiner Gemahlin Mechthild. Kindheit und Jugend lagen in einer bewegten Zeit, denn der Papst und der deutsche Kaiser lagen im Streit über die Vorherrschaft im Leben der Menschen. Der Investiturstreit, also die Frage, ob ein Bischof nun vom Papst oder dem Kaiser eingesetzt werden soll, erreichte Ende des
11. Jahrhunderts seinen Höhepunkt.
Bei aller Ungewißheit über die frühe Kindheit der Heiligen ist aber unstrittig, daß das stets kränkliche, aber ungewöhnlich begabte Kind bereits im Alter von acht Jahren einer Einsiedlerin auf dem Disibodenberg zur Erziehung übergeben wurde. Was für die heutige Zeit fast grausam aussieht, war zu Hildegards Lebzeiten durchaus üblich.
Viele adelige Männer und Frauen verbrachten ihr gesamtes Leben im Kloster, und Witwen oder Unverheirateten blieb oft gar keine andere Perspektive. Es waren vor allem die Benediktinerklöster, die eine große Anziehungskraft ausübten. Sie galten als Hochburgen klassischer Bildung, Wissenschaft und Forschung.
Als Mitglied einer Frauenklause lebte die Achtjährige auf dem Disibodenberg bei Odernheim, wo noch heute die Ruinen der alten
Klosteranlage zu finden sind. Fast ihr halbes Leben verbrachte die Heilige bei ihrer Lehrerin Jutta von Sponheim, die sich dort als Klausnerin niedergelassen hatte. Hier studierte sie, widmete sich der Lektüre der Heiligen Schrift und erwarb eine hohe geistige Bildung.
Bereits mit 15 Jahren empfing sie aus der Hand des Bamberger Bischofs den Nonnenschleier. 1136 übernahm Hildegard dann nach dem Tod ihrer Lehrerin die Leitung des Klosters. Bis dahin verlief ihr Leben in den gewohnt ruhigen Bahnen klösterlicher Abgeschiedenheit. Erst in dem Moment, als sie den inneren Befehl vernahm „sage und schreibe nieder, was du siehst und hörst!“ veränderte sich ihr Leben. Mit 42 Jahren beginnt 1141 für sie der Lebensabschnitt, der sie über ihre Zeit hinaus
unvergessen machte.
Im Kloster auf dem Disibodenberg arbeitete sie bis 1147 an der Abfassung des „Scivias“ („Wisse die Wege des Herrn“). Unterstützt wurde sie dabei von ihrem Lehrer, dem Mönch Volmar, und der Nonne Richardis von Stade.
Während der Trierer Synode bestätigte Papst Eugen 1148 die Übereinstimmung ihrer Texte mit der Heiligen Schrift. Zwischen 1148 und 1150 gelang der inzwischen 50jährigen Ordensfrau gegen viele Widerstände, auf dem Rupertsberg, an der Mündung von der Nahe in den Rhein bei Bingen, ein Frauenkloster zu bauen. Mit dem Umzug in das neue Kloster vollzog sich auch ein Wandel in der geistigen Arbeit.
Hildegard von Bingen öffnete sich neuen Themen, ihre Schriften bekamen naturkundlichen und medizinisch heilkundlichen Inhalt. Zwischen 1151 und 1158 entstand die „Physica“, in der sie die Wirkungsweisen von Pflanzen, Elementen, Steinen und Metallen auf der Grundlage erworbener Kenntnisse und eigener Beobachtung beschrieb. Sie zeigte auf, welche Heilkräfte in
all den Pflanzen, Tieren und Mineralien stecken, die sie in ihrer Umgebung beobachtete. Die Ordensfrau ging für die damalige Zeit aber noch weiter: Sie fragte nach den Ursachen der Krankheiten und nach den Mitteln, die den Menschen Heilung und Heil bringen könnten.
Aus der Klosterfrau wurde eine Naturforscherin, schließlich eine „Ärztin“. Für die damalige Zeit eine Sensation, daß eine Frau sich mit solchen Themen beschäftige. Ihr heilkundliches Werk „Causae et Curae“ von 1158 sollte in die Medizingeschichte eingehen.
Die Umsiedlung auf den Rupertsberg bei Bingen hatte aber auch noch andere Auswirkungen, denn Hildegard gab die klösterliche Abgeschiedenheit auf, rückte dem politischen Leben näher. Von Bingen aus legte sie den Mainzer Erzbischöfen und dem in der Ingelheimer Kaiserpfalz residierenden deutschen Kaiser des „Heiligen römischen Reiches“ unmißverständlich ihre Positionen und Meinungen dar.
Hildegard von Bingen hatte aber noch weitere Talente, die sie hier an Rhein und Nahe entdeckte. Sie komponierte 77 Lieder und schrieb das Mysterienspiel „Ordo Virtutum“. Ihre Musik war für diese Zeit ungewöhnlich, da sie das klangliche Spektrum der bisher bekannten Kirchentonarten variationsreich erweiterte. Eine Leistung, die heute noch Hochachtung bei den Kirchenmusikern findet.
Die Ordensfrau hatte mit 67 Jahren bereits ein „biblisches Alter“ für das Mittelalter erreicht, wo die durchschnittliche Lebenserwartung bei gerade mal 30 Jahren lag, als sie im leerstehenden Augustinerkloster in Eibingen bei Rüdesheim ein zweites Kloster einrichtete. War es in Zeiten königlicher oder adliger Klostergründungen schon ungewöhnlich genug, daß
eine einzelne Frau sich einer so gewaltigen Aufgabe unterzog, so überraschte es umso mehr, daß die alternde Hildegard sich dieser Herausforderung noch ein zweites Mal stellte. Es ist überliefert, daß sie wöchentlich zweimal mit einem Boot den Rhein überquerte, um auch in Eibingen mit ihren Nonnen das Gotteslob zu singen.
Die wenige freie Zeit nutzte sie zu einem regen Kontakt zu vielen bekannten Persönlichkeiten ihrer Zeit. 390 Briefe umfaßte ihr
Briefwechsel, in denen sie ihren Rat in theologischen, politischen und persönlichen Fragen gab. Mit der großen Kosmosschrift „Welt und Mensch“ schloß die Ordensfrau ihr literarisches Werk ab.
Hildegard von Bingen wurde geachtet, war aber auch ob ihrer klaren Worte gefürchtet. Sie blieb sich selbst und ihrer Überzeugung stets treu. Selbst Auseinandersetzungen mit der Kirche oder den weltlichen Herrschern scheute sie nicht.
In den Morgenstunden des 17. Septembers 1179 starb Hildegard von Bingen hochbetagt im Alter von 81 Jahren. Mit dem Tod der Ordensfrau erlosch auch die geistige Ausstrahlung ihrer beiden Klöster. Die benediktinische Tradition aber, in der Hildegard
lebte, wird noch heute, 900 Jahre später fortgeführt in der Abtei Sankt Hildegard in Eibingen oberhalb von Rüdesheim.

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