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Vom Wunderkind zum Mann

21.01.06 (Geschichte allg., Personalia)

Eine kurze, aber entscheidende Episode: Der junge Mozart in Mannheim und in Kirchheimbolanden
„Der Wolfgang ist gestern früh mit dem Herrn Weber und seiner Mamsell Tochter nach Kirchheim-Poland, zu der Prinzessin Weilburg abgereist, vor 8 Tagen glaube ich schwerlich, daß sie sie wird fortlassen, denn sie ist eine ungeheure Liebhaberin der Musik …“. So schreibt Frau Anna Maria Mozart am 24. Januar 1778 aus Mannheim nach Salzburg, wo das zurückgebliebene Familienoberhaupt Leopold ob der Eskapaden seines Sohnes gar nicht glücklich ist. Das Wunderkind Wolfgang ist erwachsen geworden und entgleitet mehr und mehr dem väterlichen Einfluss.
Gegen einen Besuch bei der „Prinzessin Weilburg“ hätte der strenge Herr Papa wohl wenig einzuwenden gehabt. Bei Fürstin Caroline von Nassau-Weilburg, einer geborenen Prinzessin von Oranien und Nassau, hat die Familie Mozart bereits auf einer der Wunderkind-Reisen herzliche Aufnahme gefunden, damals, 1765/1766 in Den Haag auf Einladung des Statthalters der Niederlande, Wilhelm von Oranien, und seiner musikliebenden Schwester, eben jener Caroline. In ihrem Auftrag hat der Knabe Mozart nicht nur sechs Duo-Sonaten für Cembalo und Violine KV 26 bis 31 komponiert, ganz speziell für die Prinzessin, die eine begabte Pianistin und Sängerin war, entstand auch die Sopranarie KV 23 „Conservati fedele – Bewahre die Treue“. Nur gute Erinnerungen also an diese Fürstin, deren Eingreifen es zudem wohl zu verdanken ist, dass sowohl Wolfgang als auch zuvor Schwester Maria Anna, genannt „Nannerl“, von einer schweren Erkrankung genasen und die Heimreise nach Salzburg antreten konnten.
Nein, es ist nicht die Tatsache, dass der seiner Aufsicht entwichene Wolfgang zwölf Jahre später eben diese Fürstin in ihrer „kleinen Residenz“ Kirchheimbolanden besuchen will. Auch wenn sich der geschäftstüchtige Leopold Mozart sicher im Klaren darüber ist, dass Caroline und ihr Gatte, Fürst Carl Christian von Nassau-Weilburg, nicht unbedingt zu den ganz großen europäischen Fürstenhäusern gehören, an denen die Musik spielt so wie in Wien, Paris, London – oder Mannheim, das Zeitgenossen als „Paradies der Tonkunst“ bezeichnen. Ein Paradies mit Verfallsdatum allerdings, denn Ende 1777 ist in München Kurfürst Maximilian III. von Bayern gestorben. Die Wittelsbacher Hausgesetze verlangen vom Pfälzer Carl Theodor, der in Mannheim im größten Schloss Deutschlands residiert und sich in Schwetzingen eine repräsentative Sommerresidenz geschaffen hat, mitsamt seinem Hof nach München zu ziehen. Das passiert bereits in eben jenen Januartagen, in denen der junge Mozart nach Kirchheimbolanden aufgebrochen ist.
Auflösungserscheinungen am Mannheimer Hof also – und somit wenig Aussichten für den zwar genialen, aber doch wohl mitunter auch reichlich arrogant auftretenden Musiker Mozart, hier eine Stelle zu finden. Denn im Grunde passiert ja nichts anderes als eine „Fusion“: Zwei Höfe werden zusammengelegt, da wird man erst mal schauen, wer in München weiter in der Hofkapelle spielen darf und nicht gleich einen zwar genialen, aber unerfahrenen Musikus engagieren. Die Hofkapelle, das ist der Stolz Mannheims, durch sie ist die Stadt für wenige Jahre das Musikzentrum Europas: „Kein Orchester in der Welt hat es je in der Ausführung dem Mannheimer zuvorgethan. Sein Forte ist ein Donner. Sein Crescendo ist ein Katarakt, sein Diminuendo ein in der Ferne hinplätschernder Krystallfluß, sein Piano ein Frühlingshauch“, schreibt der Dichter-Komponist Daniel Christian Schubart. Und der englische Musikschriftsteller Charles Burney berichtet: „Das Mannheimer Orchester hat mehr Solisten und Komponisten als jedes andere in Europa. Es ist eine Armee von Generälen, gleich geschickt, einen Plan zu einer Schlacht zu entwickeln.“ Was hier so martialisch klingt, meint nichts anderes als eine außergewöhnliche Orchesterdisziplin, die einen bis dato nie gekannten Gesamteindruck bewirkte. Auf Mozarts spätere Orchesterwerke blieb das in Mannheim Gehörte nicht ohne Einfluss.
Einstweilen ficht ihn dies alles allerdings recht wenig an, auch die endgültige Absage des Kurfürsten, die er, trotz Fürsprache des Mannheimer Musikdirektors Christian Cannabich, bereits am 10. Dezember erhalten hat. Denn Mozart ist verliebt, und die Aussicht, mit seiner Angebeteten auf Reisen zu gehen, und sei es nur von Mannheim nach Kirchheimbolanden, beflügelt ihn.
„ … denn weil sie (die Fürstin Weilburg) eine außerordentliche Liebhaberin vom Singen ist, so habe ich ihr vier Arien abschreiben lassen … Die Kopiatur von den Arien wird mich auch nicht viel kosten, denn die hat mir ein gewisser Herr Weber, welcher mit mir hinübergehen wird, abgeschrieben. Dieser hat eine Tochter, die vortrefflich singt und eine schöne reine Stimme hat und erst fünfzehn Jahre alt ist. Es geht ihr nichts ab als die Action, dann kann sie auf jedem Theater die Primadonna machen. Der Vater ist ein grundehrlicher deutscher Mann, welcher seine Kinder gut erzieht, und dies ist eben die Ursache, warum das Mädel hier verfolgt wird“. Das Mädel: Es ist Aloysia Weber, älteste Tochter des Hoftheater-Souffleurs und Bassisten Fridolin Weber und der Grund für Leopold Mozarts Missmut zuhause in Salzburg.
Mutter Mozart bleibt allein in Mannheim zurück, Sohn Wolfgang bricht auf nach Kirchheimbolanden und bringt zwei nicht geladene Gäste mit. Das muss zunächst Befremden ausgelöst haben. Aber Aloysias Gesangskunst beeindruckt auch die Fürstin, die nicht nur Mozart, sondern auch Aloysia durchaus großzügig honoriert. Vom 23. bis 29. Januar 1778 dauert Mozarts Aufenthalt am Hof von Kirchheimbolanden, wo Fürstin Caroline auch ein zwar kleines, aber doch leistungsfähigen Orchester unterhält und wo Mozart und Aloysia Weber, so heißt es, immerhin zwölf Mal konzertieren. Und einmal hat Mozart auch in der Schlosskirche (heute Paulskirche) gespielt, auf der von Johann Michael Stumm 1745 erbauten Orgel, die heute als „Mozart-Orgel“ bekannt ist.
Mit großer Sorge verfolgt Leopold Mozart die Abenteuer seines Sohnes, die zwar Geld kosten, aber keines einbringen. Insofern hätte er der jungen Frau Weber durchaus mehr vertrauen können. Denn die zieht mit der Familie nach München und wird zum Liebling des Münchner Opernpublikums und denkt nicht daran, ihren Anbeter zu heiraten. Wolfgang gehorcht, wenn auch widerstrebend, dem Vater. „Fort mit dir nach Paris! und das bald, setze dich großen Leuten an die Seite … Von Paris aus geht der Ruhm und Name eines Mannes von großem Talente durch die ganze Welt … Mein Sohn, du hast mich mehr als deinen aufrichtigen Freund als einen scharfen Vater anzusehen …“, schreibt Vater Leopold. Am 14. März 1778 reisen Mutter und Sohn also nach Paris. Mit wenig Erfolg, und als in der französischen Hauptstadt auch noch die Mutter stirbt, macht sich Mozart auf den Heimweg ins ungeliebte Salzburg. Die große Residenz wie all die kleinen deutschen Fürstenhöfe in und rund um die Pfalz werden kaum mehr als zehn Jahre später durch die große Revolution von der Landkarte gelöscht.
Quelle:
DIE RHEINPFALZ
Speyerer Rundschau
von Dagmar Gilcher
21. Januar 2006

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