Kurpfalz Regional Archiv

Geschichte(n) und Brauchtum aus der (Kur-)Pfalz

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Mit dem „Eselsbähnle“ über den Rhein

03.07.90 (Städte & Gemeinden, Straßen, Fähren & Verkehr)

Die alte Geschichte ist bekannt und wird rechts und links des
Rheines immer wieder gerne erzählt: Eine biedere Frau vom Lande,
die regelmäßig das „Eselsbähnle“ zwischen HockenheimTalhaus und
Speyer benutzt, schreitet eines Tages mit mächtig ausholenden
Schritten neben dem Zug her und will ihn gerade überholen. Das
sieht der Zugführer, der seine Stammgäste längst alle persönlich
kennt, und ruft: „Frau, warum steigen Sie denn nicht bei uns
ein?“ Die aber antwortet keuchend: „Heut kann ich nicht mit Euch
fahren, denn ich habe es eilig. Ich muß zum Doktor nach Speyer!“

Der Speyerer Joseph Kahn schrieb dazu bereits 1914 in einer
Festschrift: „Diese Geschichte kommt mir immer wieder in den
Sinn, so oft ich unsere ‚badische Droschke‘, so hat der Volkswitz
die SpeierHeidelberger Bahn längst getauft, mit Gebimmel und
Gebammel keuchend von der Rheinstation nach der Schiffbrücke sich
fortbewegen sehe und der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an,
wenn dieses Schauspiel aus längst verklungenen Zeiten an mir
vorüberzieht.“

Er stellt weiter fest, daß man die „Misere dieses schneckenhaften
Bahnbetriebs längst allgemein empfunden und seit Großvaters Tagen
dringend Abhilfe verlangt“ habe. Doch alle Bemühungen würden an
dem starren System der Bahnbehörden scheitern, die stets
antworten würden: „Es bleibt Alles, wie beim Anbeginn der
Schöpfung, die Schiffbrücke läßt einen neuzeitlichen Verkehr
nicht zu, denn sie kann eine neuzeitliche schwere Lokomotive
nicht tragen“.

Daß letztendlich das Speyerer Brezelfest Hilfe in der Not
gebracht habe, weiß Kahn in seinen Erinnerungen ebenfalls zu
berichten: „Bereits beim ersten Feste im Jahre 1910, und in noch
gesteigertem Maße bei den nachfolgenden Festen, erwiesen badische
Droschke und Schiffbrücke sich viel zu armselig und winzig, um
den Verkehrsbedürfnissen auch nur im entferntesten genügen zu
können. Da kamen sie von der rechten Rheinseite angerückt in
endlosen Schaaren, die Männlein und Weiblein, die Mädchen und
Knaben … aus Hütten und Palästen, zu Fuß und zu Wagen, mit
Stahlrossen und Automobilen und  soweit sie die Menge fassen
konnte  mit der badischen Droschke.

Tief senkten unter der schweren Last die Pontons ihre Köpfe ins
Wasser, als wollten sie ausdrücken: Wir schämen uns, daß wir im
zwanzigsten Jahrhundert ein so altmodisches Verkehrsgebilde wie
die Speyerer Schiffbrücke noch tragen müssen! Nur mit Hilfe einer
beträchtlichen Wasser und Luftflotte konnte der Verkehr
schließlich bewältigt werden. Da setzte unter der Parole ‚los von
der Schiffbrücke!‘ von Neuem eine Bewegung ein, die mächtig
anwuchs und ihren Ausdruck gefunden hat in dem Brückenbauverein,
dessen Gründung im Bunde mit Heidelberg jüngst erfolgt ist.“

Als „Beweis“ für seine These, daß die Schiffsbrücke historischen
Ursprungs ist, zitierte Joseph Kahn aus der „Pälzisch
Weltgeschicht“ von Paul Münch. Dort baute Julius Cäsar die
Schiffsbrücke bereits 55 v. Chr. mit seinen Legionen. Dies ist
folgendermaßen beschrieben: „Un is gerennt ganz ungeheier, un war
uf eemol schun in Speier, hot dort e Schiffbrick ufgeschla‘, in
Zeit vun binne zwee, drei Da’…Die Schiffbrick awer steht noch
heit, als Denkmal vund e alte Zeit. Nadeerlich is se a denno:
krumm, schepp und wacklich un verbo.“

Nachdem sich Joseph Kahn davon überzeugt hatte, daß die alte und
für ihn historisch wertvolle Schiffsbrücke nicht verschrottet
wird, sondern in ganzer Pracht und Herrlichkeit im Historischen
Museum der Pfalz in Speyer untergebracht wird, blickte er
wohlgemut dem Brückenbauobjekt entgegen, das, wie er versicherte,
bereits vom bayerischen Finanzministerium genehmigt worden sei.

Anläßlich einer Festveranstaltung zur „Verherrlichung der
100jährigen Wiedervereinigung mit Bayern“ im Jahre 1916 solle, so
schreibt Kahn zwei Jahre vorher, die neue und feste Rheinbrücke
eingeweiht werden, damit „den steten Klagen über die
stiefmütterliche Behandlung der Pfalz radikal ein Ende bereitet
sei“.

Im letzten Abschnitt seines Beitrages bittet der Autor: „Wenn
dann … neues Leben über die neue feste Brücke flutet und Speier
zur Weltstadt sich erhebt, mit einem Oberbürgermeister und drei
Bürgermeister an der Spitze, alsdann ist in seinen Jahrbüchern
auch festzuhalten, daß die eigentliche Triebkraft für diesen
Wandel der Dinge einzig und allein das Bretzelfest mit seinem
Massenverkehr geliefert hat.“

Es sei noch nachgetragen, daß die geplante Brückeneinweihung 1916
dem 1. Weltkrieg zum Opfer fiel. Seit 1956 aber können die
badischen Besucher Speyer und somit auch das traditionelle
Brezelfest über eine feste Brücke erreichen. Das „Eselsbähnle“
aber fährt längst nicht mehr. Nur noch ältere Zeitgenossen können
sich daran erinnern wo die Trasse verlief. Lediglich einige alte
Bahnwärterhäuschen, der alte Lokschuppen und der frühere Bahnhof
„Lusshof“ geben Zeugnis davon, daß Hockenheim früher einmal eine
eigene Bahnverbindung nach Speyer hatte. (og)

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